Was tun mit der halben Million?

Handelsblatt, 22.11.2019

Wer plötzlich einen größeren Geldbetrag auf dem Konto hat, steht vor der Frage, wie das Geld am besten anzulegen ist. Das ist bei 20-jährigen anders als bei Rentnern. Tom Friess vom VZ VermögensZentrum gibt Tipps, was in welchem Alter das Richtige ist.

Wer eine Erbschaft macht, ein Haus verkauft, eine Lebensversicherung ausbezahlt bekommt oder im Lotto gewinnt, hat von einem Tag auf den anderen ein Vermögen. Was man am besten damit anfängt, hängt von mehreren Faktoren ab: In welcher Lebensphase man sich zum Beispiel befindet, wie die persönliche Situation ist und wie viel weiteres Vermögen man hat. Das Alter ist wichtig, denn je länger der Anlagehorizont sein kann, desto geringer sind die Chancen, Verluste zu machen. Finanzberater und Vermögensverwalter empfehlen daher für jedes Alter die optimale Anlagestrategie.

Mit 20: Aktien, Liquidität und Leben

"An Finanzthemen haben junge Menschen oft nur wenig Interesse, möchten sich aber vielleicht eine Wohnung einrichten oder eine große Reise machen", sagt Tom Friess, Geschäftsführer des VZ VermögensZentrums. Berufsanfänger sollten eine Liquiditätsreserve anlegen und den größten Teil des Vermögens in ein Depot investieren. Wie hoch der Aktienanteil ist, hängt von der persönlichen Risikobereitschaft ab. Wichtig ist eine breite Streuung. Günstig sind börsengehandelte Fonds (ETFs), die passiv einen Index abbilden, zum Beispiel den deutschen Leitindex DAX.

Mit 40: Immobilie oder Alterskapital

Vierzigjährige haben in der Regel ganz andere Vorstellungen. Sie stehen meist mitten im Erwerbsleben – mit oder ohne Kinder –, haben erste Ersparnisse und möchten sich niederlassen. "Wer in dem Alter plötzlich reich wird, will das Geld häufig in eine Immobilie anlegen", weiß Tom Friess aus Erfahrung. "500.000 Euro Eigenmittel helfen dann, entspannt ein Darlehen aufzunehmen", sagt er.

Wer schon Immobilienbesitzer ist, kann mit dem Vermögen Sondertilgungen tätigen und das Darlehen reduzieren oder abzahlen. Inwieweit das möglich und lohnenswert ist, hängt von den Konditionen des Darlehensvertrags ab. Ansonsten kann das Vermögen in Aktien investiert werden. Und wer einige Jahre früher mit dem Arbeiten aufhören möchte, kann das Geld als Alterskapital nutzen. Wer statt mit 67 mit 60 geplant in Frührente gehen möchte und 4.000 Euro pro Monat benötigt, kann sich diesen Traum mit 336.000 Euro erfüllen.

Wichtig ist, das Geld so anzulegen, dass man es in 20 Jahren ganz sicher zur Verfügung hat. Tom Friess empfiehlt eine Zyklus-Strategie. Bis 50 kann das Geld überwiegend in Aktien investiert sein. Ab dann schichtet man jedes Jahr jeweils 10 Prozent in weniger schwankende Anlagen um, zum Beispiel in Immobilien oder Anleihen.

Mit 60: Vermögen für den Ruhestand

60-jährige möchten in der Regel in Frührente gehen oder ihren Lebensstandard im Ruhestand aufbessern – oder beides. Wer seine Einkommenslücke aus dem Vermögen deckt, braucht die gesetzliche Rente nicht vorzeitig zu beziehen und kommt so um die Abschläge herum.

Im Ruhestand rät Tom Friess zur Etappenstrategie. Diese hat das Ziel, das Vermögen zu erhalten, obwohl es einem eine monatliche Zusatzrente auszahlt. Hat man eine halbe Million Euro zur Verfügung und möchte sich eine Zusatzrente von 1.000 Euro auszahlen, braucht man für die ersten zehn Jahre 120.000 Euro. Dieser Betrag wird schwankungsarm angelegt und geplant ausgegeben. Die übrigen 380.000 Euro werden am Kapitalmarkt investiert. Tom Friess rechnet vor, dass eine Nettorendite von 3,3 Prozent genügt, um nach zehn Jahren wieder einen Kapitalstock von 500.000 Euro zu erreichen.

Rentner müssen umdenken

Ein solches Konzept ist wichtig, damit das Geld lebenslang reicht. Die Lebenserwartung steigt und beträgt bei 60-jährigen oft noch gut 20 oder 30 Jahre oder länger. Man sollte zu Beginn des Ruhestands sein Vermögen nicht in sichere Anleihen umschichten, denn die werfen keine Rendite mehr ab. Aktien sind wichtig, und die Aktienquote hängt auch in diesem Lebensabschnitt von der individuellen Risikobereitschaft und Risikofähigkeit ab. Die meisten Senioren legen ihr Geld langfristig an, weil sie es vererben möchten.

Drei Grundregeln sollten Anleger in jedem Alter bedenken. Der Anlageerfolg hängt zu rund 80 Prozent von der Anlagestrategie ab. Wer alle Eier in einen Korb legt, statt das Geld auf viele verschiedene Anlagen zu streuen, riskiert hohe Verluste. Bei der Entscheidung, was man mit seinem neuen Vermögen anfangen möchte, sollte man sich nicht unter Druck setzen lassen. Tom Friess sagt: "Das frisch geerbte Kapital liegt auch nach vier Wochen noch auf dem Konto."

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