Geldanlagen

"Aktuell sind viele Aktien wieder sehr günstig bewertet"

Die Inflation in Deutschland hat den höchsten Stand seit fast 50 Jahren erreicht. Auch die Zinsen sind kräftig gestiegen. Die Folge: Rezessionsängste und Kursturbulenzen an den Aktien- und Anleihemärkten. Was bedeutet das für Anleger, und was sollten sie tun? Darüber spricht Michael Ausfelder, Marktstratege beim VZ VermögensZentrum.

Michael Ausfelder

Analyst
Aktualisiert am
28. November 2022

Herr Ausfelder, die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Zügel wieder merklich gestrafft: Sie hat den Leitzins deutlich angehoben und Ihre Anleihekäufe beendet. Trotzdem steigt die Inflation weiter. Mittlerweile hat sie in Deutschland und in der Eurozone die 10-Prozent-Marke überschritten. Warum zeigt die radikale Kursänderung der EZB keine Wirkung?

Das scheint nur so. Ohne die Maßnahmen der EZB wäre die Inflation wahrscheinlich noch viel höher. Zudem dauert es eine Zeit, bis die höheren Zinsen ihre Wirkung voll entfalten. Ich denke schon, dass die Teuerungsraten im Lauf des Jahres 2023 wieder spürbar zurückgehen werden. 

Informieren Sie sich jede Woche über die neuesten Entwicklungen an den Finanzmärkten:

Die meisten Investoren an der Börse scheinen davon noch nicht überzeugt. Die Aktienmärkte haben im Jahr 2022 kräftig Federn gelassen. 

Zinserhöhungen haben natürlich einen Preis: Sie verteuern Kredite und bremsen damit Investitionen. Das wirkt sich negativ auf das Wirtschaftswachstum aus. Und diese weniger schönen Aussichten belasten natürlich die Aktienmärkte. Dennoch bin ich auch für die Börse für 2023 wieder ganz optimistisch.

Warum?

Weil auf dem aktuellen Niveau schon sehr viele schlechte Nachrichten in den Kursen eingepreist sind. Geht zum Beispiel die Inflation schneller zurück als erwartet kann das ganz schnell wieder zu einer kräftigen Erholung an den Aktienmärkten führen.

Was müsste passieren, damit der Trend an den Aktienmärkten wieder ins Positive dreht?

Am besten wäre es natürlich, wenn es zu einem schnellen Ende des Krieges in der Ukraine käme. Das ist im Moment leider noch nicht abzusehen. Andererseits ist es durchaus realistisch davon auszugehen, dass die wichtigsten Notenbanken, also die EZB und die Fed in den USA, bei zu stark kollabierenden Konjunkturdaten den Zinserhöhungspfad beenden würden. Zudem könnte die Inflation vielleicht doch wieder schneller zurückgehen als befürchtet.

Merkblatt

Niedrige Zinsen: Das Vermögen vor steigender Inflation schützen

Niedrigzinsen machen es Sparern und Anlegern schwer Vermögen aufzubauen.

Wem machen die Zinserhöhungen besonders zu schaffen? 

Stark verschuldete Unternehmen leiden natürlich in einem besonderen Maße darunter. Das betrifft nicht nur Firmen, die Probleme haben, sondern vor allem auch wachstumsstarke Unternehmen, oft aus der Tech-Branche, die noch keine Gewinne erzielen oder bei denen signifikante Gewinne erst in einigen Jahren in der Zukunft zu erwarten sind. 

Sind die steigenden Zinsen auch für die Immobilienmärkte ein Problem?

Auch für die Immobilienmärkte könnten die steigenden Zinsen erhebliche negative Auswirkungen haben. Für einen Immobilienkredit mit zehn Jahren Zinsbindung sind aktuell schon mehr als 3,5 Prozent pro Jahr zu entrichten. Das erschwert Käufern die Finanzierung beim Neukauf, aber auch Anschlussfinanzierungen für bestehende Darlehen. Die heiß gelaufenen Immobilienpreise könnten dadurch mittelfristig unter Druck geraten. Das ist teilweise auch schon geschehen.

Aktien und Anleihen leiden, Immobilien droht das gleiche Schicksal. Keine guten Aussichten für Anleger, oder? Wie lautet Ihr Rat? Bleibt da nur die Flucht ins Gold?

Das sehe ich nicht so. Man muss auch das Positive an der aktuellen Entwicklung sehen. So werfen Anleihen nach der langen Phase mit Null- oder Negativzinsen jetzt wieder positive Zinsen ab. Mit sicheren Anleihen sind jetzt wieder über drei Prozent Zinsen drin. Damit bieten Anleihen heute wieder ein attraktives Chancen-Risikoverhältnis. Deshalb gehören Anleihen auch unbedingt wieder in ein ausgewogenes Portfolio. Aktien wiederum sind ein langfristiges Investment. Rückschläge – auch heftige wie derzeit – gehören dazu und muss man aussitzen.

Was ist mit Gold?

Wem das ein Gefühl der Sicherheit verleiht, der kann einen kleinen Teil seines Vermögens in Gold investieren. Der Goldanteil sollte aber nicht überhandnehmen. Denn Gold hat einen großen Nachteil: Es liefert seinem Besitzer weder Zinsen noch Dividenden. Solange die Zinsen bei null liegen, ist das kein großes Problem. Aufgrund der gestiegenen Zinsen sind Anleihen im Vergleich zu Gold wieder attraktiver geworden. Kein Wunder deshalb, dass der Goldpreis in diesem Jahr auch deutlich nachgegeben hat. Ich sehe hier wenig Potenzial.

Depot-Check

Lassen Sie Ihr Depot kostenfrei überprüfen

Mit dem Depot-Check beim VZ erfahren Sie, wie Sie mehr aus Ihrem Depot herausholen und dabei Gebühren sparen können.

Was sollten Anleger jetzt also tun?

Aktuell sind viele Aktien aufgrund der gesunkenen Kurse wieder sehr günstig bewertet. Aus meiner Sicht lohnt es sich deshalb jetzt darüber nachzudenken, weiteres Geld am Aktienmarkt anzulegen. Und wer noch gar nicht investiert ist, für den bietet sich jetzt eine günstige Einstiegsgelegenheit. Bei Immobilien wäre ich allerdings aus den oben genannten Gründen vorsichtig.

Und wenn es weiter nur schlechte Nachrichten gibt?

Auch dann würde ich Anlegern empfehlen, mit dem Teil ihres Vermögens, das ihnen für die langfristige Geldanlage zur Verfügung steht, investiert zu bleiben. Auf lange Sicht hat es sich in der Vergangenheit stets bewährt, schwierige Phasen durchzustehen. Denn wer aussteigt, verpasst später meist den richtigen Zeitpunkt zum Wiedereinstieg. Gegebenenfalls kann es jetzt sogar sinnvoll sein, die sehr schwachen Börsentage zu nutzen, um Investments zu günstigen Kursen aufzustocken. Am wichtigsten ist es in Krisenzeiten jedoch, das Depot vernünftig und breit aufzustellen und auf die individuellen Bedürfnisse auszurichten. Ein kostenloser und unverbindlicher Depot-Check beim VZ VermögensZentrum kann da sehr aufschlussreich sein!