Die wichtigsten Anlageformen: Anleihen

Wenn sich der Anleger für den Kauf von Anleihen entscheidet, schlüpft er in die Rolle des Gläubigers (Bank): Er verleiht sein Geld. Der Emittent der Anleihe ist sein Schuldner und verpflichtet sich, regelmäßig Zinsen zu zahlen. Die Zinsen sind der Preis für die Leihgabe des Geldes. Am Ende der Laufzeit wird das Kapital zurückbezahlt.

Von einem ausgezeichneten Schuldner (beispielsweise dem Bund) erhält man Anfang 2015 rund 0,2 Prozent Zinsen für eine Anleihe mit zehnjähriger Restlaufzeit. 2008 lag der Zinskupon einer 10-jährigen Bundesanleihe noch bei 4,5 Prozent, vor 30 Jahren bei rund 8 Prozent. Aus diesem Grund schwärmen viele Anleger von den vergangenen "goldenen Zeiten". 

Korrekt betrachtet ist der Unterschied zwischen der Realverzinsung der Achtzigerjahre und der heutigen Situation wesentlich geringer. Und zwar wegen der Inflation. 1980 lag die Inflationsrate bei 6,5 Prozent, derzeit liegt sie bei 0,3 Prozent. Bereinigt man also den Nominalzins der Achtzigerjahre von 8 Prozent um 6,5 Prozent Inflation, ergibt sich eine Realverzinsung von 1,5 Prozent. Aktuell steht eine Verzinsung von 0,2 Prozent einer Inflation von 0,3 Prozent gegenüber. Real ist die Rendite also leicht negativ. Trotzdem ist  das Interesse von Anlegern an den sicheren Bundesanleihen ungebrochen.

Die wichtigsten Handlungsempfehlungen für das Anleihendepot
Die wichtigsten Handlungsempfehlungen für das Anleihendepot

Kursbeeinflussende Faktoren

Auch bei Anleihen entstehen vorübergehende Kursgewinne oder -verluste. Grund für die Kursveränderungen können sowohl wertpapierspezifische als auch marktspezifische Faktoren sein. Ausgabe und Rückzahlungspreis, Zinskupon, Restlaufzeit und Schuldnerbonität sind wertpapierbedingt. Marktbedingte Faktoren sind der aktuelle Marktzinssatz und das ökonomische Umfeld, insbesondere die Zinserwartungen.

Umgekehrt besteht die gleiche Wechselwirkung. Wenn das Marktzinsniveau steigt, sinken die Anleihenkurse. Dabei gilt: Je länger die Restlaufzeit einer Anleihe, desto heftiger die Kursausschläge bei Zinsänderungen. Diese Kursbewegungen sind normalerweise nur vorübergehend. Wenn die Zahlungsfähigkeit des Schuldners nicht beeinträchtigt ist, erfolgt die Rückzahlung der Papiere zum Nominalwert. Dieser entspricht in der Regel dem Ausgabepreis.

Anlagetaktik

Die Kursausschläge von Anleihen bei Änderungen des Marktzinsniveaus fallen je nach Restlaufzeit unterschiedlich hoch aus. Eine Zinssenkung von 1 Prozentpunkt führt bei einer Anleihe, die in drei Jahren zurückbezahlt wird, zu einem Kursgewinn von rund 2,7 Prozentpunkten. Bei einem Papier mit zehnjähriger Restlaufzeit wäre hingegen ein Wertzuwachs von rund 7,7 Prozentpunkten realistisch.

Für die unterschiedlichen Kursausschläge gibt es eine einfache Erklärung: Je länger die Restlaufzeit einer Anleihe ist, desto länger kommt der Anleger in den Genuss von Zinszahlungen über dem Marktzinsniveau. Entsprechend hoch ist natürlich auch der Kursabschlag bei Zinserhöhungen. Der Zusammenhang führt zu anlagetaktischen Verhaltensregeln: Wer höhere Zinsen erwartet, kauft Anleihen mit kurzer Restlaufzeit. Die Zinserhöhungen wirken sich bei diesen Papieren am wenigsten aus. Wer auf einen Zinsrückgang setzt, kauft Anleihen mit langer Restlaufzeit. So sind auch kurzfristige Kursgewinne möglich.

Beurteilung des Schuldners

Entscheidend für die Qualität einer Anleihe ist die Zahlungsfähigkeit (Bonität) des Schuldners. Aber wie kann sich ein Anleger darüber informieren? Anders als bei Krediten, die eine Bank gewährt, wird bei Schuldverschreibungen kein ausführlicher Kreditantrag gestellt. Auch die Solvenz – und damit die Rückzahlungsfähigkeit des Schuldners – wird nicht eingehend geprüft. Vielmehr stützen sich die Investoren in der Regel auf den Namen und den Bekanntheitsgrad des Schuldners. Doch das kann verheerend sein.

Denken wir nur an die Schweizer Fluggesellschaft Swissair, die einst als „fliegende Bank“ bezeichnet wurde und einen ausgezeichneten Ruf genoss. Niemand hätte erwartet, dass diese Gesellschaft praktisch über Nacht Konkurs gehen würde. Und doch ist genau das passiert. Die Anleihenkurse haben im Jahr 2001 innerhalb von eineinhalb Monaten 90 Prozent ihres Wertes verloren.

Orientierungshilfe „Rating“

Zur Beurteilung der Bonität reichen Name und Bekanntheitsgrad eines Schuldners nicht aus. Zusätzliche Hilfen – nicht mehr und nicht weniger! – bieten sogenannte Ratings: Einstufungen der Schuldnerqualität. Diese Ratings werden erarbeitet und veröffentlicht von spezialisierten Rating-Firmen wie Standard & Poor’s (S&P) und Moody’s.

Das Rating "AAA" (S&P) bzw. "Aaa" (Moody’s) steht beispielsweise für eine außerordentlich große Kapazität eines Schuldners zur Zinsbedienung und Kapitalrückzahlung. Generell können Schuldner, die mit mindestens einem „A“ qualifiziert sind, als zuverlässig eingestuft werden.

Anders liegt der Fall bei "B"-, "C"- und "D"-Einstufungen. In diesen Fällen äußert die Rating-Agentur ihre unterschiedlichen Bedenken, ob Zinsen plangemäß bezahlt und Schulden getilgt werden können. Diese Anleihen sind mit Vorsicht zu genießen und sollten im Depot, wenn überhaupt, nur als Beimischung dienen.

Schlechte Bonität heißt hohe Renditen

Wenn Staaten oder Unternehmen von den Rating-Agenturen schlecht eingestuft werden, bedeutet dies natürlich nicht, dass sie keine Anleihen herausgeben können. Nur müssen sie einen höheren Zins bezahlen: als Risikoprämie für die schlechtere Bonitätseinstufung. Die Höhe dieses "Spreads" beträgt im Schnitt 1 bis 2 Prozentpunkte und ist neben dem Rating beziehungsweise der Laufzeit insbesondere auch vom gesamtwirtschaftlichen Umfeld abhängig.

Je besser die Wirtschaftslage, desto eher traut man auch schlechteren Schuldnern zu, ihre Verbindlichkeiten ordnungsgemäß zu bedienen, und desto geringer ist der Renditeaufschlag gegenüber erstklassigen Staatsanleihen.

Ausfallwahrscheinlichkeiten

Zur richtigen Interpretation der Ratings werden Ausfallwahrscheinlichkeiten definiert. Diese sind logischerweise umso höher, je schlechter die Schuldnereinstufung und je länger die Restlaufzeit. Im "AA"- bzw. "Aa"-Bereich liegt die Ausfallwahrscheinlichkeit bei unter 1 Prozent. Das heißt, auch bei längerer Laufzeit fallen von hundert Anleihen weniger als zwei aus.

Bei den mit "B" qualifizierten Anleihen reicht die Ausfallwahrscheinlichkeit von 0 bis 39 Prozent. Im "C"-Bereich fällt selbst bei einer Restlaufzeit von maximal einem Jahr jede sechste Anleihe aus. Ab einer Restlaufzeit von sieben Jahren und mehr beträgt die Ausfallwahrscheinlichkeit mehr als 50 Prozent. Diese Werte sind als Richtwerte zu verstehen, die je nach gesamtwirtschaftlicher Situation natürlich variieren.

Ratings: kein Allheilmittel

Ratings sind kein Allheilmittel. Wenn Gerüchte über Zahlungsschwierigkeiten eines Anleiheschuldners im Umlauf sind, bricht der Kurs bereits ein, bevor eine Rating-Agentur die Bonitätsverschlechterung »dokumentieren« kann. Bei Unternehmensanleihen und insbesondere auch bei sogenannten High-Yield-Anleihen (Rating unter "BBB" bzw. "BAA") ist somit eine Aufteilung der Gelder auf zahlreiche Schuldner notwendig.

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