"Zinsniveau wird so bleiben"

Die Stiftung, 09.12.2020

Die Wirtschaftskrise ist noch nicht überstanden. Mit einem breit aufgestellten Portfolio und einem langfristigen Anlagehorizont sind Stiftungen aber für die kommende Zeit gut gewappnet, findet Daniel Schneider vom VZ VermögensZentrum.

Zwei Drittel der Stiftungen haben angegeben, Sitzungen digital durchgeführt zu haben. Hätten Sie damit gerechnet?

Daniel Schneider: Vor der Krise hätten wir uns gewundert. Inzwischen gibt es aber viele gute Tools, die auch für die breite Masse niedrigschwellig anwendbar sind, dass viele diese Angebote auch nutzen. Ein Drittel nutzt diese Medien gar nicht – bei diesen Stiftungen besteht vermutlich aber auch nicht die Notwendigkeit.

Die Hälfte der Stiftungen hat Anlagerichtlinien erlassen. Ist das als positiv zu bewerten?

Daniel Schneider: Wir hätten tendenziell mit weniger gerechnet, das ist positiv überraschend. Weitere zwölf Prozent sagen, sie haben vor, Anlagerichtlinien zu bestimmen. Da hätten wir fast zwei Drittel, die professionell aufgestellt sind.

Das heißt, Sie würden immer dazu raten, Anlagerichtlinien aufzustellen?

Daniel Schneider: Grundsätzlich ja. Es sei denn, eine Stiftung hält nur Immobilien. Aber wenn liquide Vermögen vorhanden sind, die investiert werden sollen, macht es Sinn zu definieren, was der Vorstand darf und was nicht, so dass er da einen sauber abgesteckten Rahmen hat.

Die Stiftungen gaben an, 2019 Erträge zwischen minus zwei bis über vier Prozent erwirtschaftet zu haben. Welche Renditen sind im Jahr 2020 realistisch?

Daniel Schneider: Das kommt darauf an, wie das Stiftungsvermögen aufgestellt ist. Ohne unverhältnismäßig hohe Risiken einzugehen, sind Renditen zwischen drei und vier Prozent möglich gewesen. Das kann sich verzerren, wenn ich etwa eine Immobilie mit niedrigen Mieteinnahmen gemäß Satzung halten muss.

Die Stimmung der Stiftungen in Bezug auf die Finanzanlage ist leicht getrübt. Ist das ein realistisches Bild?

Daniel Schneider: Ja, es gibt zwei Einflussfaktoren. Da ist einmal die emotional-psychologische Seite. Aktuell ist die Medienlandschaft, die unsere Stimmung prägt, sehr negativ. Jeder bekommt täglich Nachrichten über Coronazahlen, es gibt Einschränkungen des privaten Lebens, und das führt dazu, dass die Gemütslage schlechter ist als noch vor einem Jahr. Dann ist da die wirtschaftliche Seite. Die Wirtschaftskrise, die von der Coronakrise ausgelöst wurde, ist noch nicht überstanden, die Unternehmen verdienen weniger, und teilweise schütten sie geringere Dividenden aus. Dann ist durch die Krise das Zinsniveau nochmals gesunken – was man fast nicht für möglich gehalten hätte. Und das wird noch lange so bleiben, das signalisieren die Notenbanken. Darum ist auch im kommenden Jahr tendenziell mit niedrigeren Renditen zu rechnen als 2019.

Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um in Aktien zu gehen?

Daniel Schneider: Der Vorteil der Stiftung ist, dass die Überlegung über das kurzfristige Rein-und-Raus nicht so relevant ist. Sondern es geht darum, das Vermögen langfristig real – unter Ausgleich der Inflation – zu erhalten. Ich muss so positioniert sein, dass ich genügend Ausschüttung generieren kann, und breit genug investieren, dass ich von einzelnen Branchenentwicklungen möglichst wenig betroffen bin. Dann kann auch aktuell trotz der Krise ein interessanter Zeitpunkt sein, um Aktien aufzustocken, wohlwissend, dass es Schwankungen geben kann, dass langfristig aber sehr attraktive Erträge möglich sind.

Warum sind risikolose Anleihen in den Portfolien nach wie vor so stark gewichtet?

Daniel Schneider: Das überrascht mich nicht, denn es gibt ja auch eine Stiftungsaufsicht, die häufig eine Aktienquote von mehr als fünfzig Prozent nicht akzeptiert. Man braucht auch Werte, die stabilisieren. Und möglichst risikolose Anleihen muss nicht heißen, dass ich keinen Zins bekomme. Ich kann auch langlaufende Staatsanleihen wählen, die immer noch vier Prozent ausschütten. Die stehen natürlich hoch im Kurs und verlieren im Laufe der Zeit an Kurswert. Das ist dann die Unterscheidung zwischen Rendite und Kupon.

Diese Seite teilen