Wir sind dann mal weg

Focus Money, 16.02.2020

"Früher in Rente: Verwirklichen Sie Ihren Traum!" lautet das Titelthema der Ausgabe. Der Artikel zeigt, wie man es sich leisten kann, mit 55, 60 oder 65 aufzuhören. Michael Huber vom VZ VermögensZentrum rechnet im Detail vor, wann man als heute 30-, 40- oder 50-jähriger in Rente gehen kann, wenn man bis 55 die Summe von 150.000 bis 500.000 Euro angespart hat.

Singles, Paare und Familien im Alter von 30, 40 und 50: Wer kann es sich in welchem Alter leisten, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen – und zwar mit einer Wunschrente von 50 oder 70 Prozent vom aktuellen Nettoeinkommen? Die Experten des VZ VermögensZentrums haben umfangreiche Berechnungen angestellt und zeigen, was für wen realistisch ist.

Die 3 Musterfälle: Single, Paar, Familie

Der Single macht eine Ausbildung und ein berufsbegleitendes Studium. Als leitender Angestellter verdient er 45.000 Euro brutto (die Gehaltsangabe gilt jeweils mit 30, 40 oder 50). Sein Nettogehalt beträgt 2.296 Euro pro Monat.

Das Paar ist unverheiratet. Beide Partner studieren, arbeiten mit 26 als Angestellte und verdienen jeweils 40.000 Euro. Ihr Nettogehalt beträgt jeweils 2.093 Euro pro Monat.

Bei der Familie studieren beide Elternteile und beginnen mit 26 als Angestellte zu arbeiten. Nach der Heirat mit 30 werden zwei Kinder geboren. Die Frau bleibt fünf Jahre zu Hause und steigt mit 38 wieder ins Berufsleben ein; zunächst halbtags, ab 50 in Vollzeit. Beide verdienen jeweils 40.000 Euro brutto (die Frau halbtags 20.000 Euro). Das Nettogehalt des Mannes beträgt 2.430 Euro, das der Frau 996 Euro (halbtags) bzw. 1.700 Euro (Vollzeit).

Weitere Annahmen: Die Bruttogehälter steigen um 1,5 Prozent pro Jahr. Das Kapital, das sie bis 55 angespart haben, wird bis zum 90. Lebensjahr verzehrt. In der Auszahlphase erwirtschaftet das Kapital eine Nettorendite von 2 Prozent. Die Rentenanhebungen werden mit 1,4 Prozent pro Jahr angesetzt. Die Wunschrente wird nach heutiger Kaufkraft bemessen, und zwar bei 50 bzw. 70 Prozent des aktuellen Nettoeinkommens (bei der Familie wird mit dem Vollzeit-Gehalt der Frau gerechnet). In der Auszahlphase wird die heutige Steuergesetzgebung zugrunde gelegt.

Das Szenario: Welches Alterskapital für welche Frührente

Die Berechnungen vergleichen, in welchem Alter der Single, das Paar und die Eltern es sich frühestens leisten können, aus dem Berufsleben auszusteigen. Man geht davon aus, das das benötigte Kapital im Alter von 55 Jahren vorhanden ist: 150.000 Euro, 250.000 Euro, 350.000 Euro oder 500.000 Euro (nach heutiger Kaufkraft). Als Wunschrenten werden 50 und 70 Prozent vom aktuellen Nettogehalt angegeben.

Rechnung 1: Wann können heute 30-Jährige in Rente gehen?

Junge Leute können mit verhältnismäßig kleinen monatlichen Sparraten viel Kapital ansparen. Sie haben allerdings den Nachteil, dass die Inflation über die Zeit die Kaufkraft spürbar mindert.

Der Single kann mit 55 in Rente gehen, wenn er mindestens 350.000 Euro auf der Seite hat und sich mit einer Wunschrente von 50 Prozent seines aktuellen Nettogehalts zufrieden gibt. Möchte er 70 Prozent, kann er mit 500.000 Euro mit 57 Jahren in Rente gehen. Hat er nur 150.000 Euro gespart, muss er bei 50 Prozent bis 60 Jahre und 8 Monaten arbeiten und bei 70 Prozent bis 66 Jahren und 8 Monaten.

Das Paar kann mit 59 in Rente gehen, wenn es mit 50 Prozent des aktuellen Nettogehalts auskommt und 500.000 Euro gespart hat. Braucht es 70 Prozent, muss es bis 65 arbeiten. Mit weniger Geld ist kein Vorbezug der Rente möglich.

Ähnlich ist es bei der Familie. Haben die Eltern 500.00 Euro gespart, können sie mit 59 Jahren und 8 Monaten (bei 50 Prozent) bzw. mit 65 Jahren und 9 Monaten (bei 70 Prozent) aufhören. Braucht es 70 Prozent des aktuellen Nettogehalts, ist mit weniger Kapital kein Vorbezug möglich.

Rechnung 2: Wann können heute 40-jährige in Rente gehen?

Wer mit 40 darauf hinarbeitet, vorzeitig aus dem Berufsleben auszusteigen, sollte mit dem Kapitalaufbau schon begonnen haben. Denn je nach Zielalter hat man vielleicht nur noch 15 Jahre, um das benötigte Alterskapital anzusparen.

Der Single, der eine Wunschrente von 50 Prozent des aktuellen Nettogehalts anstrebt, hat die besten Chancen auf einen frühen Ausstieg. Mit 350.000 Euro kann er mit 55 in Rente, mit 250.000 Euro mit 56 Jahren und 3 Monaten und mit 150.000 Euro mit 60. Braucht er 70 Prozent, muss er mit 500.000 Jahren nur zwei Monate länger arbeiten. Mit 350.000 Euro kann er kurz vor dem 60. Geburtstag in Rente. Mit 250.000 Euro kann er mit 62 Jahren und 6 Monaten aussteigen, mit 150.000 Euro mit 65 Jahren und 10 Monaten.

Das Paar kann mit 57,5 Jahren in Rente gehen, wenn es 500.000 Euro hat und mit 50 Prozent des aktuellen Nettogehalts zufrieden ist. Mit 350.000 ist die Rente mit 60 Jahren und 7 Monaten drin. Sollen es 70 Prozent des aktuellen Nettogehalts sein, kann das Paar mit 500.000 Euro mit 63 Jahren und 8 Monaten in Rente gehen und mit 350.000 Euro rund drei Jahre später. Mit weniger Geld ist kein Vorbezug möglich.

Ähnlich ist es bei der Familie. Mit 500.000 Euro können die Eltern mit 58 Jahren und 2 Monaten (50 Prozent) bzw. 64 Jahren und 5 Monaten (70 Prozent) in Rente. Haben Sie 350.000 Euro oder weniger, ist bei einer Wunschrente von 70 Prozent vom aktuellen Nettogehalt kein Vorbezug möglich. Geben sie sich mit 50 Prozent zufrieden, können sie mit 350.000 Euro mit 61 Jahren und 4 Monaten aussteigen.

Rechnung 3: Wann können heute 50-jährige in Rente gehen?

Mit 50 hat man möglicherweise nur noch 5 Jahre Zeit, das benötigte Kapital anzusparen. Realistisch ist das das Szenario "Rente mit 55" hier allerdings nur für den Single.

Der Single braucht nur 250.000 Euro, um mit 55 aus dem Berufsleben auszuscheiden. Dann ist aber nur eine Wunschrente von 50 Prozent des aktuellen Nettoeinkommens drin. Hat er nur 150.000 Euro, muss er bis 59 weiterarbeiten. Braucht er eine Rente von 70 Prozent des aktuellen Nettoeinkommens, ist ein Ausstieg mit 55 nur mit einem Kapital von 500.000 Euro machbar. Mit 350.000 Euro muss er fast bis 58 arbeiten, mit 250.000 Euro bis 61 Jahre und 3 Monate und mit 150.000 Euro fast bis 65.

Für das Paar sieht die Situation deutlich schlechter aus. Gibt es sich mit 50 Prozent vom aktuellen Nettogehalt zufrieden, kann es mit 500.000 Euro mit 55 Jahren und 11 Monaten in Rente gehen. Hat es nur 150.000 Euro, muss es bis knapp über 64 weiterarbeiten. Braucht es eine Wunschrente von 70 Prozent vom aktuellen Nettogehalt, kann es mit 350.000 Euro mit 65 Jahren und 3 Monaten in Rente gehen, mit 500.000 Euro drei Jahre früher. Mit 250.000 Euro oder weniger hingegen ist kein Vorbezug möglich.

Etwas ungünstiger ist die Situation der Familie. Mit 500.000 Euro können die Eltern mit 56,5 Jahren in Rente gehen (mit 50 Prozent vom aktuellen Nettogehalt), bei 70 Prozent allerdings erst mit 62 Jahren und 10 Monaten. Mit 350.000 Euro ist die Rente mit gut 60 (50 Prozent) bzw. mit 66 (70 Prozent) machbar. Mit weniger Geld ist die Frührente mit 70 Prozent Wunschrente nicht machbar. Reicht ihnen 50 Prozent, könnten sie mit 250.000 Euro mit 62 Jahren und 5 Monaten in Rente, mit 150.000 Euro mit etwas über 65.

So haben wir gerechnet

Am Beispiel des Singles im Alter von 40 wird dargelegt, wie die Experten des VZ VermögensZentrum den Ruhestandsbeginn ermittelt haben.

1. Welche Rente er erwarten kann

Der Single (40) hat ein Nettoeinkommen von 2.296 Euro. Sein Bruttogehalt steigt um 1,5 Prozent pro Jahr. Mit 63 hat er 49,32 Rentenentgeltpunkte. Gemäß dem heutigen Rentenwert entspricht das einer Bruttorente von 1.360 Euro. Für die Jahre bis zur Rente wurde eine jährliche Rentenanpassung von 1,4 Prozent angenommen. Das reguläre Rentenalter ist 67, und bei einem frühen Rentenbeginn mit 63 wird die Rente um einen Abschlag von 14,4 Prozent gemindert. Die tatsächliche Rente beträgt 1.862 Euro. Nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben (505 Euro) bleibt eine Nettorente von 1.357 Euro.

2. Seine Wunschrente

Der Single wünscht sich mit 63 eine Rente in Höhe von 70 Prozent seines aktuellen Nettogehalts. Bei einer angenommenen Inflation von 1,5 Prozent pro Jahr beträgt seine Wunschrente zu Rentenbeginn 2.261 Euro. Seine Nettorente beträgt aber nur 1.357 Euro. Seine Einkommenslücke zu Rentenbeginn beträgt 904 Euro pro Monat. Grund dafür sind neben dem Abzug für den Rentenvorbezug auch die entgangenen Entgeltpunkte.

3. Sein Kapitalbedarf

Mit 250.000 Euro kann er es sich leisten, mit 62,5 Jahren in Rente zu gehen. Er braucht fast 15.000 Euro, um die Monate bis zum 63. Geburtstag zu überbrücken. Mit 278.000 Euro schließt er seine Rentenlücke bis zum 90. Geburtstag. Dafür muss er seine Ersparnisse in der Auszahlphase mit 2 Prozent Nettorendite anlegen.

Lohnen sich freiwillige Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung?

Gesetzlich Rentenversicherte ab 50 können zusätzlich in die Rentenkasse einzahlen, um die Abschläge bei einem vorzeitigen Rentenbezug auszugleichen. Das kann sich lohnen. Steigen die Renten nur um 1 Prozent pro Jahr, kann dabei mehr herauskommen als mit einer privaten Rentenversicherung. Neue Verträge haben einen Garantiezins von nur noch 0,9 Prozent pro Jahr. Bei anhaltenden Niedrigzinsen bleibt deren Rendite niedrig, während der Rentenwert bei positiver Lohnentwicklung immer weiter steigt.

Allerdings geht es bei dieser Betrachtung um Bruttorenten. "Netto ist der Vergleich sehr komplex und von individuellen Faktoren abhängig", weiß Michael Huber, Mitglied der Geschäftsleitung beim VZ VermögensZentrum. Die gesetzliche Rente ist von jedem Neurentner-Jahrgang zu einem größeren Anteil zu versteuern. 2040 ist sie vollständig zu versteuern. Außerdem müssen Rentner Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung abführen. Bei privaten Rentenversicherungen hingegen ist nur der Ertragsanteil steuerpflichtig (bei 63 Jahren sind es 20 Prozent). Die freiwilligen Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung können zum Teil als Sonderausgabe steuerlich geltend gemacht werden (2019: 21.338 pro Person). Dabei schöpfen schon die regulären Rentenbeiträge einen Großteil davon ab.

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