Wie werde ich reich?

WirtschaftsWoche, 17.11.2020

Für den Expertentalk zum Thema Reichtum hat Niklas Hoyer, Leiter Verbraucherfinanzen der WirtschaftsWoche, Tom Friess eingeladen. Der VZ-Geschäftsführer beantwortet Leserfragen, in denen es vom richtigen Sparen und Anlegen bis zu Strategien für passives Einkommen geht.

Viele Gurus und Coaches behaupten, das "Geheimnis des Reichtums" zu kennen, wollen es aber nur gegen viel Geld zu verraten. Gibt es ein solches Geheimnis?

Tom Friess: Ganz ehrlich, ich kenne es nicht. Ich beobachte bei Vermögenden aber zwei wichtige Punkte. Zum einen gehen die meist etwas nach, für das sie Begeisterung haben, für das sie gerne Zeit einsetzen. Und, zweitens, holen sie sich Berater, wenn sie etwas angehen wollen. Sie scheuen sich nicht, Unterstützung einzuholen, Expertenrat, um es dann umzusetzen.

Sparenden wird häufig empfohlen, jeden Monat einen bestimmten Teil der Einkünfte zur Seite zu legen, zum Beispiel 10 Prozent des Gehalts. Was halten Sie davon?

Tom Friess: Systematik hilft enorm, um Ziele zu erreichen. Allerdings sollte man nicht sofort mit dem Kapitalaufbau starten. Ich empfehle er eine Vier-Topf-Strategie. Ich muss zuerst meine Liquidität sichern, drei bis sechs Monatsgehälter für Notfälle. Dann muss ich sicherstellen, dass ich überleben kann, wenn ich meinen Beruf verliere. Was ist bei Arbeitslosigkeit, Berufsunfähigkeit, Invalidität? Dann habe ich vielleicht noch Menschen, die ich versorgen muss, die abhängig von mir sind. Etwa ein Partner oder Kinder.

Erst wenn ich die ersten drei Töpfe abgedeckt habe, kann mich dem vierten zuwenden: dem Kapitalaufbau. Beim langfristigen Sparen geht es durchaus darum, möglichst früh anzufangen und regelmäßig anzulegen. Als Faustregel passt ein Zehntel vom Einkommen, plus von Extras wie Gratifikationen oder Boni die Hälfte. Das ist ein sehr weiser Ratschlag und das funktioniert auch.

Coaches raten oft, nicht als Angestellter seine Zeit gegen Geld zu tauschen, sondern sich erfolgsabhängig bezahlen zu lassen. Was halten Sie davon?

Tom Friess: Davon bin ich nicht überzeugt. Letztlich bleibt es doch ein Tausch: Meine Zeit, meine Energie, mein Wissen oder mein Kapital muss ich einsetzen. Mit Begeisterung und einer Spezialisierung ist es leichter, entsprechend gut zu verdienen. Alternativ kann man Kapital einsetzen, das einen Ertrag bringt. Dafür brauche ich es aber erstmal, muss also Kapital aufbauen.

Ist reich zu sein ein individuelles Empfinden oder lässt es sich beziffern?

Tom Friess: Tatsächlich führen Zahlen nicht sehr weit. So sagt in Umfragen ein knappes Drittel der Deutschen, dass Reichtum ab 10.000 Euro Monatseinkommen beginnt. In der Einkommensgruppe, die aber tatsächlich um die 10.000 Euro monatlich verdient, geben 71 Prozent an, erst 100.000 Euro Monatseinkommen als Reichtum anzusehen. Reichtum scheint ein Ziel in der Ferne zu sein, das immer weiter wegrückt, je näher man ihm kommt. Es gibt Menschen mit hohen Einkommen im siebenstelligen Bereich, die ich eher als Getriebene wahrnehme und nicht als entspannte Reiche. Oft haben sie Angst, das Vermögen wieder zu verlieren.

Ich betrachte etwas anderes als Reichtum, nämlich das Gefühl der finanziellen Unabhängigkeit – ich muss nicht mehr unbedingt arbeiten, ich darf. Oder ich erreiche die Unabhängigkeit zumindest im Ruhestand. Das ist es, was die Leute reich macht.

Wie kann man es schaffen, pro Monat 10.000 Euro netto zu verdienen?

Tom Friess: Ich weiß nicht, ob Geldverdienen der richtige Treiber, das richtige Ziel ist. Wenn jemand unbedingt viel Geld verdienen will, dann fällt ihm das wahrscheinlich sehr schwer. Die meisten finanziell erfolgreichen Personen entwickeln eine Begeisterung und eine Fähigkeit, die sie zu etwas Besonderem macht und etwas Besonderes produzieren lässt. Typischerweise sind es Unternehmer, die dann auch sehr viel Geld verdienen können. Keiner von denen hat gesagt, ich will 10.000 Euro verdienen. Die sagen: Wir haben da eine Idee und wir stecken unsere Energie, unser Herzblut und gegebenenfalls auch Geld, auch fremdfinanziertes Geld, da rein und wollen erfolgreich sein. Der Verdienst ist dann nur das Ergebnis davon.

Prinzipiell ist die Antwort auf die Frage aber einfach: Bei vier Prozent Rendite sind drei Millionen Euro Kapitalstock nötig. Dann reicht der Ertrag auch dauerhaft für 120.000 Euro im Jahr, also 10.000 Euro im Monat.

Mit welcher Anlagestrategie kann man das Kapital ansparen, das ein solches passives Einkommen ermöglicht?

Tom Friess: Ich empfehle ganz solide den Aufbau eines Kapitalstocks. Legen Sie das Geld strategisch sinnvoll an, mit breiter Streuung und kostengünstig. Nutzen Sie ein Rebalancing, bei dem die Anteile einzelner Anlageklassen oder Anlageprodukte regelmäßig wieder auf das Ausgangsniveau gebracht werden.

Von vermeintlichen Geheimtipps und Strategien, die hohe Renditen versprechen, halte ich nichts. Es kann einzelne Personen und auch Situationen geben, in denen das funktioniert. Aber dass es für eine breite Masse funktioniert und auch umsetzbar ist, das bezweifle ich sehr stark.

Deutlich vielversprechender ist es, mit dem Verbündeten "Zeit" Kapital mit einem ausgewogenen Rendite-Risiko-Verhältnis aufzubauen und zu sichern. Es gibt ein Dreieck aus Rendite, Risiko und Verfügbarkeit, das lässt sich nicht einfach ausschalten. Bei sehr hoher Renditeerwartung ist das potenzielle Verlustrisiko auch sehr hoch. Wenn ich mehr Rendite haben will, muss ich mehr Risiko in Kauf nehmen oder auf Verfügbarkeit verzichten.

Sind ETFs eine passende Anlage?

Tom Friess: ETFs sind eine Verpackung. Entscheidend ist, was drin ist. Bei einem ETF auf einen Aktienindex sind das Aktien, also unternehmerische Beteiligungen. Da muss ich mich fragen, will ich in Aktien investieren? Glaube ich an die weitere Entwicklung unserer Wirtschaft, an die Unternehmungen?

Ich selbst bin absoluter Fan davon. Ich glaube, dass ein Unternehmen das Gebilde ist, das sich am besten auf Entwicklungen und Veränderungen einstellen kann. Wenn ich Kapital mit einem Horizont von zehn Jahren oder länger aufbaue, kommt man aus meiner Sicht an der Aktie nicht vorbei.

Wichtig ist eine breite Streuung, um das Ausfallrisiko zu minimieren. Dafür kann man entweder viele Einzelwerte kaufen oder in einen Fonds investieren. Entweder aktiv, da managt jemand die Gewichtung, oder passiv, da bekomme ich genau den Markt.

Zudem sind ETFs oft sehr kostengünstig. Und deshalb ist dieses Instrument nach wie vor, und je länger desto mehr, ein gutes Vehikel, um Kapital anzulegen oder auch aufzubauen, für den Ruhestand oder auch den Reichtum.

Ist es sinnvoll, mit einem Sparplan in ETFs auf den globalen MSCI World zu investieren?

Tom Friess: Vor dem Hintergrund der erwünschten breiten Streuung ergibt der Aktienindex MSCI World grundsätzlich Sinn. Wichtig ist aber, auf die genaue Zusammensetzung des ausgewählten Index zu achten. Der MSCI World deckt nur Industrieländer ab. Außerdem investiere ich zu über 50 Prozent in US-amerikanische Werte und den US-Dollar. Dessen sollten Anleger sich bewusst sein.

Zudem reicht nicht immer ein einziger ETF, um Präferenzen entsprechend abzubilden. Wichtig ist immer die Frage: Verstehe ich das, in das ich investiere? Wenn nicht, lassen Sie die Finger davon!

Wie sollte man 5.000 Euro am besten anlegen?

Tom Friess: Ob 5.000 oder 50.000 Euro ist eigentlich egal. Verhalten Sie sich wie die Großen! Zwar ist bei großen Summen die Stückelung deutlich leichter. Bei 5.000 Euro kommen hingegen nur Fonds für eine breite Streuung infrage. Wichtig ist dann aber auch hier, die passende Anlage zur gewählten Strategie zu finden.

Viele fragen sich, ob sie den Markt schlagen können. Geht das?

Tom Friess: Viele Coaches und Gurus verkaufen dieses Gefühl. Ich halte den Versuch für gefährlich. Das VZ hat ausgewertet, wie riskant es ist, einzelne gute Börsentage zu verpassen. Schon wer die besten fünf Handelstage eines Jahres verpasst, hat im Dax mehr als die Hälfte der Gesamtrendite verloren. Bei den besten zehn Tagen ist es über 70 Prozent der Rendite gewesen. Markttiming ist daher extrem gefährlich. Die besten Tage kommen meist nach einer Kurskorrektur. Wenn jemand in einer Phase fallender Kurse aussteigt, steigt er auf dem Tief garantiert nicht ein. Gerade Verlustphasen sind für Anleger eine Herausforderung. Dann brauchen viele Unterstützung und Zuspruch, um durchzuhalten. Denn gerade Konsequenz zahlt sich beim langfristigen Vermögensaufbau extrem aus. Jeder muss sich aber auch vorab fragen, wie viel Risiko er aushalten kann.

Wenn ich 50 oder älter bin, wie sollte ich mein Geld anlegen?

Tom Friess: Auch zu Ruhestandsbeginn, und schon gar nicht 15 Jahre vorher, muss auf chancen-, aber auch risikoreichere Geldanlagen wie Aktien verzichtet werden. Ich rate, die Ausgaben der ersten zehn Jahre im Ruhestand grob abzuschätzen. Nur diese Summe muss man zu Ruhestandsbeginn sicher anlegen. Den Rest kann man auch dann noch riskanter anlegen, weil mehr als zehn Jahre zur Anlage bleiben.

Was halten Sie von privaten Versicherungen, die eine lebenslange Rente zahlen?

Tom Friess: Solche Renten stellen letztlich eine Wette auf die Rest-Lebenserwartung dar. Ein 65-Jähriger muss derzeit deutlich über 90 Jahre alt werden, um auch nur einen Euro Rendite zu erzielen. Ich selbst bin kein Fan dieser Verträge. Sie können nur sinnvoll sein, wenn jemand überhaupt keine Renteneinnahmen erwartet. So kann er sich dann eine Basisversorgung sichern, die er garantiert lebenslang bekommt.

Auch hier ist eine Prognose der Ausgaben im Alter hilfreich. Ein Kunde hat mir mal gesagt: "In den ersten zehn Jahren bereise ich die Welt. In den zweiten zehn Jahren noch Europa, im dritten Jahrzehnt bin ich in meinem Garten. Jetzt rechnen wir mal gemeinsam aus, was ich dafür brauche." So kann es durchaus sein, dass manche den eigenen Bedarf im Alter überschätzen. Mögliche Pflegekosten hingegen können die Rechnung negativ beeinflussen.

Eignen sich Immobilien, um daraus genug passive Einkünfte zu erhalten?

Tom Friess: Zu unterscheiden sind selbstbewohnte und vermietete Immobilien. In selbstgenutzten Immobilien stecken meist viele Emotionen. Finanztechnisch sei das nicht zu bewerten. Es gibt Menschen – ich gehöre nicht dazu – die das unbedingt haben wollen. Ich rate dann nur zu Finanzierungen mit ausreichendem Spielraum. Zudem sollte am Anfang des Ruhestands keinesfalls das ganze Kapital nur in der eigenen Immobilie stecken, sonst ergeben sich Liquiditätsprobleme.

Bei vermieteten Immobilien hingegen ist eine ehrliche Kalkulation wichtig, mit Blick auf Rendite und Risiko. Die Immobilie solle mindestens 2,5 bis 3,0 Prozentpunkte mehr Rendite abwerfen als andere vom Risiko her vergleichbare Anlagen, die aber schneller handelbar seien. In vielen deutschen Großstädten, wie München, Frankfurt oder Hamburg, ist diese Bedingung längst nicht mehr erfüllt. Oft braucht es schon die Mieteinnahmen von rund 40 Jahren, um auch nur das Investment wieder herauszuholen. Die Erwartung steigender Immobilienwerte sei gefährlich. Es ist nicht korrekt, dass man mit einer Immobilie nur Geld verdienen kann. Man kann damit auch Geld verlieren.

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