Reformen könnten zu einer besseren Diversifikation führen

Businesstalk am Kudamm, 03.12.2020

Der DAX soll von 30 auf 40 Unternehmen erweitert werden, die strengere Aufnahmekriterien erfüllen müssen. Tom Friess vom VZ VermögensZentrum begrüßt die Aussicht auf mehr Qualität. Im Interview erklärt er, worauf Privatanleger bei DAX-Investments achten sollten.

Herr Friess, der Wirecard-Skandal hat bei der Deutschen Börse für Reformbemühungen um eine Neuausrichtung von Deutschlands wichtigstem Aktienindex geführt. War dieser Schritt längst überfällig, was denken Sie über die Reform?

Tom Friess: Die Absicht, mehr Qualität in den deutschen Leitindex zu bringen, ist begrüßenswert. Strengere Regeln und eine breitere Auswahl an Unternehmen und Branchen stärken das DAX-Fundament und die darauf aufbauenden Investmentprodukte wie ETFs. Dies kommt Anlegern in Form von mehr Auswahl und besserer Sicherheit zugute.

Es ist ein zweischneidiges Schwert: Einerseits geht der Investmenttrend zu Ethik und Nachhaltigkeit, anderseits sollen auch Waffenhersteller aufgenommen werden, wie das Deutsche Aktieninstitut vorschlägt – wie passt das zusammen, dürfen "unethische" Unternehmen überhaupt ausgeschlossen werden?

Tom Friess: Die Frage ist, welche Aufgabe dem DAX zukommt. Dafür werden die Auswahlkriterien für eine Aufnahme bestimmt. Alle Unternehmen, die die vorgegebenen Kriterien erfüllen, können in den Index aufgenommen werden. Anleger und Investoren können selbst entscheiden, in welche Unternehmen sie investieren möchten. Im Endeffekt zählt Transparenz, damit der Anleger weiß, in was er investiert und so seine Entscheidung treffen kann. Für spezielle Investment-Fokussierungen gibt es Indizes zur Auswahl, etwa den TecDax oder den DivDax. Ökologisch orientierte Investoren können in den Natur-Aktien-Index NAI investieren.

Deutsche Börse-Vorstand Weimer wünscht sich eine Ausweitung des Index auf 40 statt 30 Dax-Unternehmen, gleichzeitig sollen die Voraussetzungen für die Aufnahme erhöht werden. Führt dies wirklich zu mehr Qualität?

Tom Friess: Davon gehe ich aus. Der Schiffbruch des Skandalunternehmens Wirecard sowie die Aufnahme des unrentablen Lieferdienstes Delivery Hero zeigen ja, dass die Kriterien für eine DAX-Zugehörigkeit bislang nicht optimal sind. Den Index auf breitere Füße zu stellen und mehr Unternehmen aufzunehmen, ist eine gute Idee – vorausgesetzt, die Qualität der Unternehmen stimmt. Nach dem Willen der Deutschen Börse sollen die Aufnahmekandidaten nachweislich profitabel sein sowie regelmäßig Quartalsberichte und testierte Jahresabschlüsse vorlegen – bei Wirecard hatte dies gefehlt. Strengere Regeln wären sicher ein gutes Signal an Anleger und Investoren. Die Reformen könnten zu einer besseren Diversifikation führen und dadurch Anlagerisiken mindern. Zudem wäre der DAX zukunftsorientierter aufgestellt, denn viele potenzielle DAX-Kandidaten sind junge, nicht industrielastige Unternehmen, etwa der Onlinehändler Zalando oder das Biotechunternehmen Qiagen. Insgesamt könnte der DAX damit an Attraktivität gewinnen.

Investiert Ihr Unternehmen in den DAX? Würden Sie es privaten Kapitalanlegern raten?

Tom Friess: Das VZ VermögensZentrum setzt verschiedene Vermögensverwaltungsmandate um. Da, wo ein Aktienanteil in Deutschland allokiert wird, ist ein Teil davon i.d.R. auch am DAX ausgerichtet. Dabei können Einzelwerte, Fonds und ETFs zum Einsatz kommen. Der Einsatz deutscher Aktien, ob Blue-Chips oder Nebenwerte, kann je nach gewählter Anlagestrategie und Risikobereitschaft ein geeignetes Mittel sein, seine Anlageziele zu erreichen. Das gilt sowohl für die Vermögensverwaltung, als auch für die Altersvorsorge oder den Kapitalaufbau. Als alleinige Assetklasse kommen deutsche Aktien aber nicht zum Einsatz. Das VZ achtet auf ausgewogene, gut diversifizierte Portfolios.

Werden bei einem DAX-ETF alle Titel ausgewählt? Wie schaffen es Index-Fonds meist rentabel zu arbeiten?

Tom Friess: Ein ETF kann seine Benchmark physisch oder synthetisch abbilden. Physisch repliziert heißt, dass tatsächlich in die relevanten Titel investiert wird. Bei einem synthetisch replizierenden ETF investiert die Fondsgesellschaft nicht direkt in die Titel, die im Index enthalten sind. Stattdessen wird die Benchmark mit Derivaten, also Tauschgeschäften, nachgebildet.

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