Anlegen in einer Welt ohne Zinsen

Handelsblatt, 16.07.2020

Um Negativzinsen und Verluste zu vermeiden, müssen Anleger höhere Risiken eingehen. Privatanleger müssten ihre Depots entsprechend ausrichten. Christian Lange vom VZ VermögensZentrum rät zu Wertpapieren und zeigt, warum die Risikostreuung so wichtig ist.

Wenn Anleihen und andere Zinspapiere keine Rendite mehr bringen, ist es Zeit zu handeln, und zwar jetzt. "In der Coronakrise hat sich der Zinsdruck nach unten noch verschärft", bestätigt Christian Lange, Mitglied der Geschäftsführung des VZ VermögensZentrums. Anleger sollten den Anleiheanteil im Depot reduzieren. Teile des Anlagevermögens, das sie für die nächsten fünf bis zehn Jahre investieren wollen, sollten sie in Aktien umschichten.

Anlagestrategie: Aktienanteil ausbauen

Das VZ VermögensZentrum hat seine Depots nachjustiert. Die Anleihequote wurde um 15 Prozentpunkte auf 40 Prozent reduziert. Der Aktienanteil hingegen wurde um rund 20 Prozent angehoben und liegt jetzt bei 50 bis 55 Prozent. Dieser Anteil könnte in den nächsten Jahren schrittweise um bis zu zehn Prozentpunkte wachsen, so Christian Lange. Die übrigen fünf bis zehn Prozent im Depot macht Gold aus.

Breite Streuung ist wichtig

Der Aktienanteil sollte eine breite, weltweite Streuung aufweisen. Das bedeutet, kein Übergewicht an deutschen oder europäischen Aktien zu haben, sondern auch Renditechancen amerikanischer und asiatischer Märkte wahrzunehmen.

"Für den Nutzen breiter Streuung gibt es ein aktuelles Lehrbeispiel", erklärt Christian Lange, und zwar den mittlerweile insolventen Zahlungsabwickler Wirecard. Wer diese Aktie bis zuletzt gehalten hat, hat so gut wie alles verloren. War man in den TecDax investiert, betrug der Verlust acht bis neun Prozent. "Im Dax waren es 1,5 Prozent – im breiten MSCI-World-Index war der Verlust mit vielleicht 0,1 Prozent nicht mehr spürbar", sagt Christian Lange. Die Umsetzung lässt sich mit passiven Indexfonds machen, die sind kostengünstig und transparent. Nach Belieben könnten Anleger zusätzlich ein paar Akzente mit Einzelwerten setzen, wenn sie sich mit den Unternehmen beschäftigen wollten, rät der Anlageexperte. Christian Lange hofft, dass die Negativzinsen auf Bankkonten, die viele Anleger verärgerten, zu einem Weckruf werden könnten.

Anleihen und Immobilien: Welche Investitionen sich lohnen könnten

Der Anleihebereich bietet noch gewisses Potenzial. Christian Lange weist dabei auf Anleihen aus den USA und aus Schwellenländern hin. Diese bergen zwar Währungsrisiken, bringen aber noch Zinsen. Auch Unternehmensanleihen könnten durchaus interessant sein. Christian Lange findet eine weltweite Mischung aus Hochzinspapieren mit geringerer Bonität einen Blick wert. In den nächsten Monaten könnten allerdings Kreditausfälle drohen. "Es werden nicht alle Bonds ausfallen", meint er. In diesem Segment bevorzugt er aktiv gemanagte Fonds, denn "in den Indexfonds sind die größten Schuldner am stärksten vertreten".

Immobilien sind mit Vorsicht zu genießen, denn die Preise sind hoch und bestimmte Bereiche derzeit krisenanfällig. Christian Lange rät zu Einzelinvestments, wenn das Anlagevermögen groß genug ist.

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