Auf der Suche nach der Balance

WirtschaftsWoche, 26.04.2019

Selbstständige und Freiberufler bekommen keine gesetzliche Rente, sondern sind auf eine private Altersvorsorge angewiesen. Diese aufzubauen ist nicht einfach, denn viele haben stark schwankende Einkünfte und stecken oft jeden Euro ins Geschäft. Michael Huber vom VZ VermögensZentrum erklärt, wie die Vorsorge trotzdem gelingt und worauf man achten sollte.


Drei von vier Millionen Selbständigen in Deutschland haben keine ausreichende Altersvorsorge. Das ergab eine Erhebung des Bundessozialministeriums. Die Hauptgründe: Sie haben keinen Zugang zu einem berufsständischen Versorgungswerk (beispielsweise für Apotheker, Ärzte, Architekten, Anwälte, Notare, Steuerberater oder Künstler). Ihre Einkünfte sind kaum planbar, so dass viele die Altersvorsorge nur dann berücksichtigen, wenn genug Geld dafür auf dem Konto ist; oft entscheiden sie sich dann allerdings für Investitionen ins Unternehmen oder brauchen den Liquiditäts-Puffer.

Druck auf Selbstständige: Vorsorge soll Pflicht werden

Die Politik will das ändern und bald auch Selbstständige zur Altersvorsorge verpflichten. Geplant ist, dass diese in die gesetzliche Rentenversicherung, in ein Versorgungswerk oder in eine Rürup-Rente einzahlen sollen. Weitere, sinnvolle Bausteine wie Immobilien (z.B. das Eigenheim oder das Firmengebäude) sowie das freie Sparen mit Wertpapieren (vor allem günstigen ETFs) sollen bei der Vorsorgepflicht nicht berücksichtigt werden. Viele Selbstständige brauchen eine Mischung aus Grundversorgung und renditestarker Ergänzung. Dafür brauchen sie ein individuelles Vorsorgekonzept, das ihren Bedürfnissen und Zielen Rechnung trägt.

Selbstständige müssen alle Vorsorge-Chancen nutzen

Eigentlich müssten Selbstständige vorsichtiger anlegen als Angestellte oder Beamte, sagt Michael Huber, Mitglied der Geschäftsleitung des VZ VermögensZentrums. Schließlich sei schon ihr Einkommen unternehmerischen Risiken ausgesetzt. Aktien seien so betrachtet weniger passend als Immobilien, die Rürup-Rente oder die gesetzliche Rente.

Manche Selbstständige sind in der gesetzlichen Rentenversicherung pflichtversichert, zum Beispiel Hebammen, Künstler oder Lehrer. Haben sie Angestellte, können sich aber von der Versicherungspflicht befreien lassen. Andere Selbstständige hingegen können sich sogar freiwillig rentenversichern. Selbstständige in den freien, kammerfähigen Berufen sind im Versorgungswerk ihres Berufsstandes versichert und können auch hier freiwillig mehr einzahlen.

Rentenversicherungen lohnen sich oft nicht, trotz Steuerersparnis

Selbstständige können zusätzlich mit privaten Rentenversicherungen vorsorgen. Bei Rürup-Renten sind die eingezahlten Beiträge überwiegend steuerfrei. In der Auszahlphase hingegen müssen die Renten in zunehmendem Maß versteuert werden. Das lohnt sich vor allem dann, wenn der individuelle Steuersatz im Erwerbsleben viel höher ist als im Rentenalter. Michael Huber ist trotzdem nicht überzeugt: "Ob die Differenz letztlich groß ist, steht nicht fest." Ein Nachteil ist, dass man sich das Kapital nur in Form einer lebenslangen Rente auszahlen lassen kann. Die Rechnung geht in den meisten Fällen nur dann auf, wenn man 90 Jahre oder älter wird. "Viele Versicherte lassen sich wegen der erhofften Steuerersparnis zudem überteuerte Verträge andrehen", sagt Michael Huber. Vor allem fondsgebundene Policen haben oft sehr hohe Gebühren.

Privates Sparen ist besser

Bessere Renditechancen hat man mit dem privaten Sparen. Dieser Weg ist außerdem flexibler, denn man kann seine Sparraten jederzeit anpassen und hat sein Erspartes stets zur eigenen Verfügung. Wichtig für Selbstständige - und doch zweischneidig, weiß Michael Huber vom VZ VermögensZentrum. "Schließlich soll ein ausgeklügelter Vorsorgeplan nicht ohne Not über den Haufen geworfen werden!" Außerdem braucht es Disziplin, um den Vermögensaufbau auf eigene Faust durchzuführen. Wer das nicht gut genug kann, der sollte lieber "Zwangssparen" und doch lieber zum Beispiel in die gesetzliche oder Rürup-Rente einzahlen.

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