Früher raus, länger genießen

Focus Money, 23.08.2017

Viele Erwerbstätige wünschen sich, vor dem gesetzlichen Rentenalter aus dem Erwerbsleben auszuscheiden. Nur die wenigsten wissen aber, wie viel Kapital sie benötigen, um ihren Lebensstandard im Ruhestand zu finanzieren. Im Interview erläutert Michael Huber vom VZ VermögensZentrum, warum die private Altersvorsorge so wichtig ist und worauf Sie beim Sparen achten sollten.

Wann sollten Erwerbstätige damit beginnen, sich ernsthaft mit der Altersvorsorge zu beschäftigen?

Michael Huber: „Altersvorsorge kann durchaus sexy sein. Nämlich dann, wenn ich mein angelegtes Geld über die Jahre wachsen sehe. Oder wenn ich meine gesetzten Sparziele erreiche und mir als Belohnung guten Gewissens etwas gönne. Unter diesen Umständen bin ich dann vielleicht auch eher bereit, frühzeitig zu beginnen. Davon abgesehen: Es ist nie zu früh, aber auch nie zu spät für die Altersvorsorge. Wer allerdings früher startet, muss weniger sparen.“

Wie sehr sollte ich mich auf die gesetzliche Rente verlassen?

Michael Huber: „Die gesetzliche Rente ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil der Altersvorsorge, auf den ich auch vertrauen darf. Was nicht heißt, dass ich mich darauf verlassen sollte, dass sie allein ausreicht, um mich im Ruhestand zu versorgen. Das wird in den seltensten Fällen möglich sein, wenn man bedenkt, dass kaum mehr als zehn Prozent der Renten oberhalb von 1500 Euro im Monat liegen.“

Wie kann ich beim Sparen einen möglichst hohen Ertrag erreichen bei möglichst hoher Sicherheit?

Michael Huber: „Gerade in jungen Jahren sind Sparpläne in Aktienfonds und aktienbasierte Exchange Traded Funds (ETF) die richtige Lösung. Mit dem vorhandenen längeren Zeithorizont ist eine positive Rendite am Ende sehr wahrscheinlich. Mit näher rückendem Ruhestand sollte die Anlagestrategie dann auf den Prüfstand gestellt und defensiver ausgerichtet werden.“

Risikoarme Anlagen haben ja schon länger anhaltende Niedrigzinsen. Wäre es lohnenswert, freiwillig in die gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen?

Michael Huber: „Durch die niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt hat die gesetzliche Rente an Attraktivität gewonnen. Ob freiwillige Einzahlungen zu empfehlen sind, muss im Einzelfall entschieden werden. Hier spielen viele Faktoren mit rein, wie die zukünftige Entwicklung des Rentenwerts, aber auch die persönliche Steuersituation und ob jemand gesetzlich oder privat krankenversichert ist. Nicht zuletzt ist auch darauf zu achten, dass neben der gesetzlichen Rente auch ein flexibler Topf im eigenen Altersvorsorgemix enthalten ist, wie ein Wertpapierdepot.“

Sind staatlich geförderte Altersvorsorge-Produkte eine sinnvolle Ergänzung?

Michael Huber: „Nach unseren Analysen nein. Denn häufig wird die Förderung von hohen Produktkosten aufgefressen. Hinzu kommt, dass geförderte Lösungen im Vergleich zum freien Sparen häufig unflexibler sind. Was attraktiv sein kann, sind Angebote zur betrieblichen Altersvorsorge, insbesondere, wenn der Arbeitgeber noch etwas drauflegt.“

Die gesetzliche Rente wird garantiert bis zum Lebensende gezahlt. Wie kann ich meine private Vorsorge so organisieren, dass das Geld bei Langlebigkeit reicht?

Michael Huber: „Indem ich in Etappen denke und immer so kalkuliere, dass ich noch zehn Jahre über die Runden komme. Wem die Absicherung des Langlebigkeitsrisikos besonders wichtig ist, der kommt an Versicherungslösungen nicht vorbei. Er muss aber berücksichtigen, dass sich die Versicherer das gut bezahlen lassen. Oder anders formuliert: dass er sehr alt werden muss, um wirklich zu profitieren.“

Wie sollte ich als Vorsorgesparer beim Vermögensaufbau vorgehen, damit ich konsequent dranbleibe?

Michael Huber: „Indem ich die Sparbeträge automatisch abbuchen lasse, möglichst unmittelbar nach dem Gehaltseingang. Dann gewöhne ich mich an die niedrigere Basis, und das Sparen tut nicht mehr weh. Und indem ich die richtige Einstellung zum Thema bekomme. Bei mir persönlich ist es so: Ab dem Moment, wo ich meine Sparziele definiere und erfülle, kann ich das übrige Geld viel befreiter ausgeben. Das ist ein besseres Gefühl als das ständige Unwohlsein, dass ich eigentlich vorsorgen müsste.“

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