Was die Märkte bewegt

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Newsletter vom 11. Juni 2021

Wie entwickeln sich Konjunktur, Aktien- und Anleihemärkte und Währungen in den kommenden Monaten? Chief Investment Officer Rolf Biland beurteilt die Lage.

Die Themen dieser Ausgabe:

Lagebeurteilung: Abwartende Haltung an den Börsen

An den globalen Finanzmärkten hat man schon hektischere Wochen erlebt. Der Mai sowie die ersten Tage im Juni verliefen im Großen und Ganzen in geordneten Bahnen. Größere Überraschungen blieben jedenfalls aus. Die Kursbewegungen innerhalb der verschiedenen Anlageklassen waren entsprechend unauffällig. Das Stimmungsbild könnte als abwartend bezeichnet werden. Investoren hatten Zeit zum Durchschnaufen, nachdem die ersten Monate des Jahres streckenweise recht turbulent verliefen.

Ein wichtiger Grund für die relative Entspanntheit an den Börsen: die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen – der wichtigste Preis an den Finanzmärkten – entwickelt sich seit Wochen seitwärts im Bereich von 1,6 Prozent. Die reale Verzinsung ist sogar gesunken bzw. noch tiefer in den negativen Bereich geglitten – sowohl in den USA als auch in Europa. Deswegen hat sich die Zinsangst an den Märkten spürbar verringert. Verschwunden ist sie aber nicht.

Das Marktgeschehen wird weiterhin auch stark von den Erfolgen bei der Bekämpfung der Coronapandemie geprägt. Dank der Beschleunigung der Impfprogramme insbesondere in Europa haben sich die wirtschaftlichen Perspektiven weiter aufgehellt – und dem Euro wieder Rückenwind gegenüber dem US-Dollar verschafft. Die Impferfolge brachten den Aktienmärkten in Europa frischen Wind. Vor allem in den als zyklischen Märkten geltenden Ländern wie Frankreich, Spanien, Deutschland und Italien legten die Börsen in den letzten Wochen dynamischer zu als in den USA.

Die mit den Impferfolgen verbundenen Erwartungen, die wirtschaftlichen Beschränkungen immer weiter abzubauen, haben die Geschäftserwartungen in den letzten Wochen weiter verbessert. Wichtige Konjunkturindikatoren, wie die Einkaufsmanagerindizes, haben in den großen Volkswirtschaften Rekordniveaus erreicht oder sind nicht mehr weit davon entfernt. Die Auftragsbücher im produzierenden Gewerbe sind prall gefüllt. Immer öfter ist zu hören, die Aufträge könnten nicht so rasch wie gewünscht abgearbeitet werden, da es aufgrund der nach wie vor gestörten Lieferketten an Basismaterialien mangle – und deswegen die Einkaufspreise steigen.

Dass viele Rohstoffpreise angesichts des zu erwartenden Wirtschaftsbooms bereits seit Monaten in die Höhe schießen, macht die Lage für viele Unternehmen nicht einfacher. Die entscheidende Frage ist, ob die Preissteigerungen auf der Produzentenebene stark und nachhaltig auf die Konsumentenebene durchschlagen werden, sodass die Notenbanken einschreiten müssten. Die Kerninflation, auf welche die Notenbanken ihren Fokus richten, liegt zwar in Europa noch unterhalb der kritischen 2-Prozent-Marke. In den USA wurde diese Marke aber bereits übersprungen (siehe Grafik).

Kerninflation in den USA springt hoch
Im April sprang die Kerninflationsrate in den USA auf 3 Prozent. Das zwingt die US-Notenbank aber nicht zum Handeln, denn die letzten Jahre lag die Kerninflation unterhalb von 2 Prozent.
Kerninflation in den USA springt hoch

Quelle: Bloomberg

Die US-Notenbank hat bereits vorgesorgt und sich im vergangenen Sommer ein symmetrisches Inflationsziel verpasst. Sie strebt eine Inflationsrate von durchschnittlich zwei Prozent über einen – nicht definierten – Zeitraum an. Da die Kerninflationsrate die letzten Jahre deutlich unter dieser Marke lag, könnte die US-Notenbank eine gewisse Zeit lang Inflationsraten von deutlich über zwei Prozent tolerieren, ohne ihr Mandat zu verletzen.

Für die Mitglieder der Notenbanken dies- wie jenseits des Atlantiks scheint die Sache klar zu sein: Die derzeit steigenden Inflationsraten seien eine Folge der Pandemie und nur temporär. Bereits im kommenden Jahr werde sich die Preisentwicklung wieder auf tieferen Niveaus einpendeln. An den Finanzmärkten wird ebenfalls nicht mit einem nachhaltigen Inflationsschub gerechnet. Verschiedene Terminkontrakte deuten zwar daraufhin, dass die Investoren für die nächsten 12 bis 18 Monate mit weiter steigenden Inflationsraten rechnen – aufgrund des oben skizzierten Nachfragebooms und der gestörten Lieferketten. Doch danach ist Schluss. Dass die Inflationserwartungen weiterhin fest verankert sind zeigt sich daran, dass die kurzfristigen Inflationserwartungen höher sind als die langfristigen.

Fazit

  • Die Kursbewegungen innerhalb der verschiedenen Anlageklassen blieben in den vergangenen Wochen unauffällig.
  • Die Beschleunigung der Impfprogramme in Europa hellt die wirtschaftlichen Perspektiven auf und gibt dem Euro wieder Rückenwind gegenüber dem US-Dollar.
  • Die langfristigen Inflationserwartungen sind weiterhin stark verankert. An den Finanzmärkten wird nicht daran gezweifelt, dass die Notenbanken die Kontrolle über die Inflation verlieren.

Aktien: Zyklische Aktien gefragt

Europäische Aktien schlugen sich besser als die globale Konkurrenz. US-Titel liefen hingegen schlechter: Hier sind die Inflations- und Zinssorgen auch am stärksten. Ebenfalls schwach waren Schwellenländer und asiatische Werte unterwegs, was teilweise auf das Wiederaufflammen der Corona-Pandemie insbesondere in Indien zurückzuführen ist.

Globale Aktien schlossen den Monat Mai wie eingangs erwähnt mehr oder weniger unverändert ab. In der ersten Monatshälfte verzeichneten viele Aktienindizes Abgaben, welche gegen Monatsende dann aber aufgeholt werden konnten. Wichtigster Treiber waren die Inflationssorgen der Marktteilnehmer zusammen mit den damit verbundenen Zinsanstiegserwartungen. Aber auch die pandemische Entwicklung spielte nach wie vor eine gewisse Rolle.

Auf Sektor-Ebene zeigten sich vor allem Titel aus den Bereichen Energie, Konsum, Grundbedarf und Finanzen positiv – allesamt Bereiche, welche bei einem Umfeld erhöhter Inflation eher zu den Profiteuren gehören dürften. Schwach waren hingegen IT, Konsum, Zusatzbedarf und Versorger unterwegs – hier sind höhere Zinsen vor allem für die Bewertungen ein Problem. Zyklische und defensive Titel hielten sich im Mai recht gut die Waage. Dafür war Value erneut gefragt und auch gute Dividendenzahler konnten den Gesamtmarkt hinter sich lassen.

Auch die technische Analyse bestätigt die vorliegenden Konstellationen. Auch wenn die Kursdynamik in den letzten Wochen etwas nachgelassen hat, hält sich der MSCI World bisher ohne Mühe im seit Frühling 2020 etablierten Aufwärtstrend. Die relative Stärke der zyklischen gegenüber den defensiven Sektoren durchläuft nach der markanten Outperformance der Zykliker eine Konsolidierung. Eine Fortsetzung dieses relativen Stärketrends wäre ein willkommenes Signal, um wieder mehr Schwung in den breiten Markt zu bringen.

Solange dies nicht der Fall ist, dürfte die Kursentwicklung eher nach dem Motto «drei Schritte nach vorne, zwei zurück» weitergehen. Allfällige Zwischenkorrekturen sind bis in den Unterstützungsbereich bei 2.650 Punkten als Kaufgelegenheit zu sehen. Somit ist kurzfristig auf Gesamtmarktebene nicht mit deutlichen Kurszuwächsen zu rechnen. Die Rotation von Wachstums- in Substanzwerte und Zykliker dürfte sich jedoch fortsetzen.

Fazit

  • Europäische Titel schlugen sich gut, während US-Aktien aufgrund höherer Inflationssorgen hinterherhinkten.
  • Die Lockerung diverser Coronamaßnahmen lässt das Gastgewerbe aufatmen. Die Prognosen im Dienstleistungssektor verbessern sich dadurch weiter, so wie auch jene des verarbeitenden Gewerbes seit etwas längerer Zeit.
  • Profiteure einer höheren Inflation – Sektoren Energie, Konsum Grundbedarf und Finanzen – dominierten die Aktienentwicklung im Mai.

Zinsen: Leitzinsanpassungen sind keine baldige Option

Von den Inflationssorgen am Markt zeigten sich Renditen von 10-jährigen Staatsanleihen wenig beeindruckt. Sowohl in der Schweiz als auch in Europa und den USA veränderte sich das Zinsniveau über die vergangenen vier Wochen kaum.

Dazu beigetragen haben dürften die Aussagen der Notenbanken dahingehend, dass eine erhöhte Inflation von temporärer Natur ist. Und in den USA waren die Arbeitsmarktdaten gerade noch so gut, dass sie die wirtschaftliche Erholung zeigen, aber keinen Anlass für eine baldige Beendigung der lockeren Geldpolitik geben würden. Erst deutliche Anzeichen dafür, dass sich der amerikanische Arbeitsmarkt auf dem Weg zur Vollbeschäftigung befindet, würden restriktive Maßnahmen erlauben. In Europa hingegen wären sogar Ausweitungen des Pandemiekaufprogramms nicht ausgeschlossen, würden die Zinsanstiege ausufern.

Diverse Notenbank-Mitglieder (EZB, Bank of England, Fed) äußerten sich in den letzten Wochen und bestätigten den mittelfristig ausgerichteten Pfad der Geldpolitik, was ein vorschnelles Zurückfahren der geldpolitischen Unterstützung ausschließt. Viele sehen im jüngsten Anstieg der Inflation ein Ungleichgewicht am Markt, weil die Nachfrage anzieht und gleichzeitig Lieferengpässe das Angebot einschränken.

Da in den kommenden Wochen nochmals Unruhe an den Zinsmarkt zurückkehren könnte, ist im Bereich Anleihen auf die richtige Positionierung zu achten. Mit Hilfe einer angemessenen Durationssteuerung können die Zinsanstiegsrisiken minimiert werden. Dazu eignen sich Anleihen mit kurzer Restlaufzeit oder solche, deren Entwicklung weniger stark von Zinsänderungen abhängen, wie beispielsweise Hochzins-, Wandel- oder Schwellenländeranleihen.

Fazit

  • Trotz wieder aufgeflammten Inflationssorgen veränderte sich das Zinsniveau kaum.
  • Der amerikanische Arbeitsmarkt befindet sich noch weit entfernt vom Ziel der Vollbeschäftigung. Deshalb wird sich die Fed noch länger nicht zu einer restriktiven Geldpolitik veranlasst sehen.
  • Auch die Vertreter der anderen großen Notenbanken sehen im aktuellen Inflationsdruck eine temporäre Entwicklung.

Weitere Anlageklassen: Gold und Öl setzen ihren Preisanstieg fort

Rohstoffe: Viele Rohstoffe konnten im Monat Mai zulegen, wenn auch unterschiedlich stark. Am beeindruckendsten war wohl die Preisentwicklung von Gold, welches wieder über die Marke von 1.900 US-Dollar pro Unze kletterte, was einer Steigerung um fast 10 Prozent entspricht. In geringerem Umfang haben die Industriemetalle und Erdöl Wertsteigerungen verzeichnet. Hier zeigte sich im Laufe des Monats eine ähnliche Entwicklung wie an den Aktienmärkten mit einer schwächeren ersten Monatshälfte und einem starken Endspurt. Kupfer setzte dabei eine neue Rekordmarke und erreichte einen Preis von 10.724 US-Dollar pro Tonne. Die OPEC+-Mitglieder haben die Förderpolitik für die zweite Jahreshälfte nicht kommentiert, was zum Anstieg der Ölpreise geführt hat. Öl der Sorte WTI kostete Anfang Juni 69 US-Dollar pro Fass und Brent gar 71 US-Dollar.

Cat Bonds: Katastrophenanleihen verzeichneten im vergangenen Monat eine stabile Wertentwicklung. Der Neuemissionsmarkt bleibt sehr aktiv und trifft gleichzeitig auf eine rege Nachfrage. Die meisten Neuemissionen werden zum einen tiefer als ursprünglich angekündigt gepreist und zum andern auch mit höheren Volumina. Gerade stehen wir am Anfang der Hurrikansaison im Atlantik (offizieller Start ist Juni). Es wird mit einer überdurchschnittlichen Hurrikanaktivität gerechnet, jedoch ist dies nicht zwingend ein Indikator für Verluste bei Cat Bonds. Das Jahr 2020 zeigte dies ebenfalls.