Was die Märkte bewegt

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Newsletter vom 16. November 2020

Wie entwickeln sich Konjunktur, Aktien- und Anleihemärkte und Währungen in den kommenden Monaten? Chief Investment Officer Rolf Biland beurteilt die Lage.

Die Themen dieser Ausgabe:

Lagebeurteilung: Auf Risk-off im Oktober folgt Entspannung im November

Dass die Börsen sowohl mit einem US-Präsidenten Joe Biden als auch mit einer weiteren Amtszeit von Donald Trump gut leben können, war im Vorfeld der US-Wahlen bereits relativ klar. Deshalb ist es nicht unbedingt entscheidend, wer die nächsten vier Jahre im Weißen Haus verbringen wird.

Relevanter für die Finanzmärkte ist dagegen, dass es wohl nicht zu einem sogenannten "Blue Sweep" kommen wird, also zu einer demokratischen Machtübernahme im Weißen Haus wie auch im Senat. Die traditionelle Parteifarbe der Demokraten ist blau. Dann wären alle drei wichtigen Machtzentren – Weißes Haus, Senat und Repräsentantenhaus – in ihrer Hand gewesen. Eine Regierung Biden hätte unter diesen Umständen relativ freie Hand gehabt, auch Wahlversprechen aus dem linken Parteilager anzupacken, wie zum Beispiel den kreditfinanzierten Green New Deal anzugehen.

Diese zwischenzeitlich durchaus realistische Aussicht – mit der Folge von stark steigenden Staatsausgaben und -schulden – hatte bei vielen Investoren zu Inflationsängsten bzw. zu einer Absicherung der Inflationsrisiken geführt. Deutlich wurde dies an dem Auseinanderdriften der Staatsanleihenrenditen in den USA im Vergleich mit der Schweiz oder Deutschland. Denn während in weiten Teilen Europas die Renditen in den vergangenen Wochen tendenziell nachgaben, legten die US-Renditen klar zu. Im Laufzeitenbereich von zehn Jahren war zwischenzeitlich sogar die Ein-Prozent-Marke wieder in den Fokus geraten und damit der höchste Stand seit den Corona-Turbulenzen vom Frühjahr.

Diese Positionierung vieler Investoren, der sogenannte "Reflation Trade", dürfte aufgrund des ausgebliebenen Durchmarschs der Demokraten wieder korrigiert werden. Denn dass die Republikaner Hand bieten für ein "linkes" Konjunkturpaket, gilt als sehr unwahrscheinlich. Dies könnte den Kursen am US-Bondmarkt in der Folge wieder etwas Auftrieb geben und die US-Staatsanleihenrenditen im Gegenzug niedrig halten.

Im Großen und Ganzen reagierten die Finanzmärkte aber erleichtert auf den Wahlausgang, weil vor allem das befürchtete Wahlchaos mit unklaren  Machtverhältnissen in Washington und Gewalt auf den Straßen ausgeblieben sind.

Das übergeordnete Bild an den globalen Finanzmärkten war in den vergangenen Wochen von steigender Nervosität und sinkender Risikobereitschaft gekennzeichnet. Besonders in der zweiten Oktoberhälfte gaben die Aktienmärkte auf breiter Front nach, während der US-Dollar und die Volatilitätsindizes zulegten – ein klassisches Marktsignal für eine "Risk-off-Haltung" seitens der Investoren. Auslöser für die Unsicherheit waren die in weiten Teilen Europas und Amerikas stark steigenden Corona-Infektionen und die damit einhergehende Lockdown-Gefahr. Mittlerweile wurde das wirtschaftliche und soziale Leben in vielen Ländern tatsächlich wieder heruntergefahren. Die Auswirkungen der möglichen konjunkturellen Bremsspuren sind noch nicht abschätzbar.

Hier gilt es zu beachten, wie rasch und mit welcher Dynamik die Weltwirtschaft nach dem ersten Lockdown wieder auf die Beine gefunden hatte. Das globale Wirtschaftswachstum folgt ziemlich eindeutig der erhofften V-förmigen Entwicklung, bei der auf einen raschen Einbruch ein ebenso schneller Aufschwung folgt. Und die Gewinnausweise der Unternehmen für das dritte Quartal liegen großmehrheitlich über den Erwartungen.

Doch das Wachstum zeigt sehr uneinheitliche Tendenzen. Einerseits im Hinblick auf die Regionen: Während die westlichen Staaten noch immer mit der Pandemie und deren Folgeschäden kämpfen, läuft der Konjunkturmotor in weiten Teilen Asiens auf allen Zylindern. Das ist vor allem auf den Boom in China zurückzuführen, wo das Coronavirus offenbar kaum noch auftritt. Andererseits schreitet die Weltwirtschaft auch mit Blick auf die Branchen in zwei Geschwindigkeiten voran. Schaut man auf die Entwicklung der Sektoren des Weltaktienindexes von MSCI, dann wird klar ersichtlich, dass die Informationstechnologie und der Bereich Konsum Zusatzbedarf zu den Pandemiegewinnern zählen, während die Sektoren Energie und Finanzen unter der Pandemie leiden. In dieser differenzierteren Sichtweise zeigt sich in der Weltwirtschaft eine K-förmige Entwicklung, wobei die ersten beiden Sektoren für den aufstrebenden Ast im K stehen und die letzten für den abstrebenden Ast (siehe Grafik).

Gegenläufige Trends zu beobachten
Bei einer differenzierten Sicht zeigt sich eine K-förmige Entwicklung der Weltwirtschaft: Die Informationstechnologie (IT) und der Konsum Zusatzbedarf haben seit dem Frühjahr Kursgewinne verbucht und stehen damit für den aufstrebenden Ast im K. Im Gegenzug haben die Sektoren Finanzen und Energie tendenziell an Terrain eingebüßt und stehen damit für den absteigenden Ast im K (Basis MSCI World).
Gegenläufige Trends zu beobachten

Quelle: Bloomberg

Grundsätzlich können die Finanzmärkte weiterhin auf die Schützenhilfe der Notenbanken zählen, die mit ihrer hoch expansiven Geldpolitik die Corona-Folgeschäden auch weiterhin bekämpfen werden. Zudem sind weitere Konjunkturpakete rund um den Globus in der Pipeline, deren positive Wirkung für den Wirtschaftskreislauf erst noch folgt. Die Finanzmärkte senden denn auch verschiedenste Signale aus, die gegen einen nachhaltigen Abwärtstrend sprechen, wie die Outperformance der klein- und mittelkapitalisierten Unternehmen und der Zykliker oder der steigende Kupferpreis. Gleichwohl sollte man vor einem übermäßigen Risikoaufbau absehen.

Fazit

  • Da Joe Biden wohl mit einem zweigeteilten Kongress regieren wird, bleibt die Gefahr von übermäßigen Staatsausgaben und hoher Inflation relativ gering.
  • Die Sorge über den steilen Anstieg von Neuinfektionen hält sich mit der Hoffnung auf einen baldigen Impfstoff die Waage.
  • Die Angst vor einem Wahlchaos hat sich weitgehend wieder gelegt. Die Finanzmärkte senden verschiedenste Signale aus, die eindeutig gegen einen nachhaltigen Abwärtstrend sprechen. Eine risikobewusste Positionierung ist dennoch empfehlenswert.

Aktien: US-Wahlen bewegen die Börsen merklich – auch sektorseitig kommt es zu einigen Verschiebungen

Der Oktober war geprägt vom Ausblick auf die US-Wahlen. Anleger positionierten sich vor allem in den USA, aber auch im Rest der Welt für das "Blue Sweep"-Szenario. Dabei wurden insbesondere die Aktien der Tech-Giganten sowie jene der großen Pharma-Konzerne verkauft, was wegen der hohen Gewichte dieser Titel in vielen Indizes zu generellen Kursrückgängen führte. Aktien aus den Schwellenländern hingegen konnten sich im Oktober im Schnitt gut halten. Zurückzuführen ist dies auf die überdurchschnittlichen Entwicklungen in Südost-Asien und insbesondere China.

Daneben lastete auf (fast) allen Aktien natürlich der Druck der zweiten Corona-Lockdown-Welle. Nun bleibt dies, zusammen mit der Einigung zum Konjunkturpaket für die USA und dem Ausgang in der Brexit-Debatte, das Thema für die Kursrichtung in den kommenden Wochen.

Der MSCI World bewegt sich seit September in einem knapp zehn Prozent breiten Handelsband – also recht volatil. Nachdem der Markt in der zweiten Oktoberhälfte unter Druck geriet, erwies sich aus charttechnischer Sicht der Kursbereich um 2.300 Punkte erneut als Unterstützung. Das positiv interpretierte Wahlergebnis in den USA führte seither zu einer raschen Aufwärtsbewegung zurück in die Widerstandszone um 2.500 Punkte. Ein nachhaltiger Bruch dieses Widerstandes würde die Konsolidierung beenden und eine neue Aufwärtsbewegung initiieren. Eine Fortsetzung des Aufwärtstrends dürfte zunehmend von konjunktursensitiveren Aktien getrieben werden. Mögliche Kursziele für den MSCI World liegen im Bereich von 3.000 Punkten. Natürlich wird es auch in den kommenden Monaten immer wieder zu Rücksetzern kommen. Diese sind vorerst jedoch als Kaufgelegenheiten zu sehen.

Fazit

  • Nachdem die US-Wahlen einen deutlichen Sieger hervorgebracht haben, ist es unwahrscheinlich, dass Trumps Nicht-Anerkennung eine Präsidentschaft Bidens verhindern wird.
  • Tech- und Pharmaaktien waren aufgrund der jüngsten Ereignisse am stärksten anfällig für Schwankungen.
  • Die US-Wahl hat die Märkte etwas beruhigt, weil sich ein großer Unsicherheitsfaktor im Markt reduziert hat.

Zinsen: Vielversprechender Forschungserfolg hebt die Zinsen

Zehnjährige Staatsanleihenrenditen lösten sich etwas von ihren Tiefstständen, da sich in den USA das Wahlresultat relativ schnell abzeichnete und es nicht zu den im Vorfeld befürchteten Unruhen kam. Insbesondere in den USA war der Zinsanstieg Anfang November am stärksten. Nachdem die Pharmaunternehmen Pfizer und BioNTech Anfang dieser Woche für ihren gemeinsam entwickelten Corona-Impfstoff eine äußerst vielversprechende Wirkung in Aussicht stellten, stiegen die Zinsen noch weiter an. Noch ist die Studie allerdings nicht abgeschlossen.

Die Notenbankmeetings gingen im Nachrichtenfluss rund um die US-Wahlen und Lockdown-Maßnahmen der vergangenen Tage fast unter. Die EZB belässt ihre Geldpolitik zwar unverändert. Angesichts der möglichen Risiken ist sich das EZB-Gremium aber einig, dass zusätzliche Stimuli nötig werden dürften und es sämtliche zur Verfügung stehenden Instrumente im Moment neu beurteilt. Begründet hat dies EZB-Präsidentin Christine Lagarde damit, dass die Verwundung der Realwirtschaft wegen schwacher Gewinnzahlen und einer steigenden Verschuldung zugenommen hat.

An der Fed-Sitzung wurden ebenfalls keine neuen Maßnahmen beschlossen und die Leitzinsen in der Zielspanne von 0-0.25% belassen. Aber auch die Fed behält sich vor, mit neuen Maßnahmen zu intervenieren, falls die Lage dies nötig mache. Die Bank of England hat derweil ihr Anleihenkaufprogramm ausgeweitet. Zudem will sie ab Anfang 2021 zusätzliche Staatsanleihen im Wert von 150 Milliarden Pfund kaufen.

Der Kredit-Bereich wird weiterhin stark nachgefragt. Die Risikoaufschläge bei den Hochzinsanleihen bleiben stark schwankend, auch wenn durch die angestiegene Risikostimmung der Anleger die Aufschläge etwas zurückgingen. Wandelanleihen bewegen sich ohne große Überraschung im Gleichschritt mit den Aktienmärkten.

Fazit

  • Zinsen heben sich von ihren Tiefstständen etwas ab, nachdem Meldungen um einen vielversprechenden Corona-Impfstoff bekannt wurden.
  • Die Notenbanken halten an ihrer Bereitschaft fest, alles Mögliche für eine Stützung der Wirtschaft zu unternehmen.
  • Die geldpolitische Unterstützung wird die Anleihenrenditen für längere Zeit auf niedrigen Niveaus halten, auch wenn es zwischenzeitlich zu Anstiegen kommt.

Weitere Anlageklassen: Der Goldpreis spiegelt das Auf und Ab am Aktienmarkt

Rohstoffe: Gold lag nach Ablauf der ersten Novemberwoche bei rund 1950 USD pro Unze und damit um einiges höher als noch wenige Tage zuvor. Es reagierte dann aber rasant auf die positiven Meldungen um den baldigen Impfstoff und verlor innerhalb eines Tages rund vier Prozent. Auch jetzt, da die neue US-Regierung feststeht und Hoffnungen zum Impfstoff wachsen, bleiben mit Corona und dem Brexit sowie internationalen Handelsstreitigkeiten einige Quellen der Unsicherheit übrig, welche Gold als Diversifikator attraktiv machen.

Die Öl-Notierungen hingegen machten ziemlich genau die Bewegung der Aktienmärkte mit – auch hier wurde "befürchtet", dass die USA unter einer demokratischen Regierung vermehrt auf erneuerbare Rohstoffe setzen würden. Die neuerlichen Corona-Lockdown-Maßnahmen taten dann ihr Übriges dazu. Erst Anfang November setzte auch hier eine Erholung ein.

Industriemetalle orientierten sich mit ihrer Bewegung viel mehr an den chinesischen Aktienmärkten und konnten sich dementsprechend gut halten.