Was die Märkte bewegt

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Newsletter vom 11. September 2020

Wie entwickeln sich Konjunktur, Aktien- und Anleihemärkte und Währungen in den kommenden Monaten? Chief Investment Officer Rolf Biland beurteilt die Lage.

Die Themen dieser Ausgabe:

Lagebeurteilung: Rückgang der Zinsen nach unten begrenzt

Es sind Zahlen für die Geschichtsbücher: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank in Deutschland im zweiten Quartal um rund zehn Prozent gegenüber dem Vorquartal. Die Wirtschaft in der Eurozone wurde von den Pandemiefolgen mit einem Minus von rund zwölf Prozent noch deutlich stärker zurückgeworfen. Doch es herrscht Zuversicht, dass die konjunkturelle Talsohle überschritten wurde. Vorauslaufende Indikatoren weisen auf eine wachsende Wertschöpfung im dritten Quartal hin.

An den Finanzmärkten ist die Stimmung seit einigen Tagen und Wochen allerdings etwas gedämpft, worüber die Rekorde an verschiedenen Aktienmärkten nicht hinwegtäuschen können. Ein gewisser Unsicherheitsfaktor sind die verhärteten Fronten zwischen den Demokraten und Republikanern in den USA bei den Verhandlungen über ein dringend benötigtes neues Corona-Hilfspaket – von der innenpolitischen Polarisierung vor dem Hintergrund der Polizeigewalt sowie auch in Hinblick auf die Präsidentschaftswahl in knapp zwei Monaten mal ganz abgesehen. Weitere Verzögerungen beim Stimulusprogramm gefährden den fragilen wirtschaftlichen Aufschwung in den USA. Und aufgrund der engen Handelsbeziehungen würde dies die Volkswirtschaften Europas und Asien in ihrer Entwicklung ebenfalls bremsen.

Von größerer Tragweite für die Finanzmärkte dürfte jedoch der bereits seit längerem anhaltende Anstieg der Inflationserwartungen sein. Ganz konkret beobachten lässt sich dieser Anstieg am Anleihenmarkt. Dort war in den letzten Wochen eindeutig ein Trend hin zu verstärkter Nachfrage nach inflationsgeschützten Anleihen zu beobachten, insbesondere auf dem US-Markt. In die Schlagzeilen schaffte es die Rendite der sogenannten Tips (Treasury Inflation-Protected Securities), die Anfang August aufgrund der hohen Nachfrage unter die psychologisch wichtige Schwelle von -1,0 Prozent gesunken ist. Offensichtlich haben sich einige Profi-Anleger für einen Anstieg der Inflation positioniert. Allerdings gibt es auch zahlreiche Experten die mit dem Gegenteil rechnen, mit einer Deflation. Für beide Szenarien lassen sich gute Gründe finden. Letzten Endes bleibt es also Spekulation, welches Szenario eintreten wird.

Das entscheidende ist: Die steigenden Inflationserwartungen gehen einher mit sich seit Monaten tendenziell seitwärts bewegenden Anleihenrenditen (siehe Grafik). Das ist mit Blick auf die Coronakrise erstaunlich. Denn typischerweise sinken diese Renditen in turbulenten Marktphasen. Doch im März scheint bei den Schweizer Staatsanleihen mit einer Negativrendite von über einem Prozent die Schmerzgrenze der Investoren erreicht worden zu sein. Die sinkenden Realrenditen – tiefe Anleihenrendite in Kombination mit steigenden Inflationserwartungen – deuten darauf hin, dass an den Märkten eine Stagflation (hohe Inflation trifft auf stagnierendes Wirtschaftswachstum) erwartet wird. Regierungen und Notenbanken würde dieses Szenario vor große Herausforderungen stellen. Denn will der Staat beispielsweise durch Steuersenkungen die Nachfrage ankurbeln, heizt er damit die Inflation weiter an. Und mit Zinserhöhungen durch die Notenbanken wird zwar die Inflation bekämpft, aber die Wirtschaft gebremst.

Neben der US-Innenpolitik und den steigenden Inflationserwartungen liegt ein dritter Faktor aktuell ebenfalls etwas stärker im Fokus der Finanzmärkte. Es handelt sich um die Kräfteverschiebungen im Währungspaar US-Dollar und Euro. So steht der Euro seit Juli – seit der Entscheidung des Europäischen Rates für ein Billionen-Finanzpaket – im Aufwind. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Eurozone unter den Krisenlasten zerbrechen könnte, hat sich dadurch verringert. Zuletzt gesellte sich zur Eurostärke eine Dollarschwäche. Der Grund: Die hohen Infektionsraten in den USA malen den Schatten einer zweiten Corona-Welle an die Wand. Dies wiederum würde die US-Notenbank Fed zu erneuten Lockerungsschritten zwingen und weitere staatliche Finanzhilfen erforderlich machen – und den US-Dollar weiter entwerten.

Die Lage an den Finanzmärkten bleibt herausfordernd. In diesem Umfeld bleibt eine defensive und über verschiedene Anlageklassen breit diversifizierte Ausrichtung des Portfolios angezeigt.

Fazit

  • Nach dem Wirtschaftseinbruch im zweiten Quartal deuten die Konjunkturindikatoren mehrheitlich auf eine wachsende Wertschöpfung im dritten Quartal hin.
  • Die sich immer weiter zuspitzende Lage in der US-Innenpolitik und die bislang ergebnislos verlaufenden Verhandlungen über ein neues Corona-Hilfspaket gefährden den Wirtschaftsaufschwung.
  • Der Anstieg der Inflationserwartungen in Kombination mit sinkenden Realrenditen dämpft ebenfalls die Stimmung an den Finanzmärkten.
Kein weiterer Renditerückgang trotz Coronakrise
Tiefpunkt erreicht? Das typische Muster, gemäß dem in turbulenten Markphasen die erhöhte Nachfrage nach Staatsanleihen zu Renditerückgängen führt, zeigt sich in der Coronakrise nicht. Die Renditen der "Eidgenossen" und des deutschen Bunds legten sogar zu.
Kein weiterer Renditerückgang trotz Coronakrise

Quelle: Bloomberg; Renditen für Anleihen mit jeweils 10 Jahre Restlaufzeit

Aktien: Zyklische und defensive Sektoren zeichnen ein vielseitiges Bild

Der August war ein positiver Monat für die Aktienmärkte. In der zweiten Monatshälfte erhielten die Kurse zusätzlichen Schub. Am stärksten war die Entwicklung der amerikanischen Indizes. Der S&P 500 und der Nasdaq Index profitierten von der Stärke der IT-Titel (Apple und dessen Aktiensplit). Andere Regionen wie Japan und China konnten gut mithalten. Europa und Asien (ohne China und Japan) bewegten sich seitwärts.

Auf Sektor-Ebene konnten zwei Sektoren sehr deutlich zulegen. Neben den oben erwähnten IT-Titeln, waren dies die Konsumgüter Zusatzbedarf (getrieben von Amazon). Die Kommunikationsdienstleister (Facebook und Alphabet [Google]) konnten einigermaßen gut mithalten. Am schwächsten zeigten sich Gesundheit, Energie und Versorger. Durch diese Entwicklungen zeigt sich aktuell ein recht ausgeglichenes Sektorenumfeld von Zyklikern und Defensiven.

Der Anstieg der Einkaufsmanagerindizes in vielen Volkswirtschaften zeigt die Erholung, in welcher sich die Industrien und das Dienstleistungssegment befinden. In Deutschland stieg der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe von 51 auf 52,2 an und ist somit wieder deutlicher über der Wachstumsschwelle. Fast alle Subindikatoren mit Ausnahme der Beschäftigungskomponente, wiesen positive Zahlen auf. Gemessen am BIP ist die deutsche Wirtschaft um rund zehn Prozent geschrumpft. Dennoch gehört Deutschland im Ländervergleich zu den stärksten Volkswirtschaften. Der Rückgang des BIP ist hauptsächlich auf das Gastgewerbe und den Transport zurückzuführen.

Der MSCI World Index hat im September neue Allzeithöchststände erreicht. Ein Kursrutsch der technologielastigen Werte hat zuletzt auch im Weltaktienindex eine kleinere Zwischenkorrektur ausgelöst. Die Konsolidierung dürfte den Markt mindestens gegen 2.300 Punkte, wahrscheinlicher aber bis auf 2.150/2.200 Punkte, zurückführen. Viele Investoren wurden von der rasanten Kurserholung seit Ende März überrascht. Daher ist es gut möglich, dass sie tiefere Kurse schon bald zum Ausbau ihrer Aktienpositionen nutzen. Durch das positivere Gesamtbild, ist ein Rücksetzer dieser Art tatsächlich eine interessante Möglichkeit, sich nochmals etwas offensiver auszurichten. Für die kommenden Monate ist aus technischer Sicht mit einer Fortsetzung der Aufwärtsbewegung und dem Erreichen neuer Kurshochpunkte zu rechnen.

Fazit

  • Der US-Aktienmarkt ist stark durch die IT-Titel getrieben.
  • Erholungstendenzen der vorlaufenden Indikatoren (PMI) müssen vorerst noch mit Vorsicht beurteilt und eingeschätzt werden. Die Wirtschaftsdaten in den USA und der EU kühlen sich teilweise ab, was einen raschen Erholungspfad in Frage stellt.

Zinsen: Fed aktualisiert ihre geldpolitische Zielstrategie

Zehnjährige Staatsanleihenrenditen der Regionen Europa und USA bewegten sich im August unspektakulär seitwärts auf tiefem Niveau. Der Gleichlauf von Schweizer Staatsanleihen und deutschen Bundesanleihen hat sich in den vergangenen Monaten manifestiert. Mit rund -0,5 Prozent verfügen beide Regionen über ein historisch tiefes Zinsniveau. Auch in den USA nähert sich das Umfeld demjenigen auf dem hiesigen Kontinent an. Inzwischen erhalten Anleger von Staatspapieren mit zehn Jahren Laufzeit noch rund 0,6 Prozent.

Die zahlreichen Unsicherheiten stützen die Nachfrage nach sicheren Staatsanleihen, weshalb sich deren Renditen nicht vom aktuellen Niveau absetzen können. Hoffnungen an Impfstoffe und ein Wechsel zwischen Eskalation und Deeskalation im US-Chinesischen Handelskonflikt heizen die Verunsicherung an. Dazu kommt, dass sich der US-Kongress bisher nicht auf ein neues Fiskalpaket einigen konnte.

Das alljährliche Symposium der Fed in Jackson Hole löste am Markt einen ganz leichten Zinsanstieg aus. Jerome Powell präsentierte Anpassungen der strategischen Fed-Ziele. Neu wird die Inflation als Mittelwert von zwei Prozent anvisiert. Das impliziert, dass die Fed auch eine Inflation über dem Zielniveau in Kauf nehmen würde. Ein weiterer Punkt der Zielanpassungen ist, dass eine breitere Interpretation der Vollbeschäftigung ermöglicht wird. Künftig wird vor allem auf Unterbeschäftigung fokussiert.

Die Notenbanken SNB, EZB und Fed treffen sich allesamt im September. Da das Juli-Protokoll der Fed noch keine näheren Angaben zur Forward-Guidance enthielt, werden hierzu an der September-Sitzung genauere Details erwartet.

Unternehmensanleihen im Bereich Investment Grade werden als Ersatz für die negativ rentierenden Staatsanleihen nachgefragt. In den USA gerieten sie jedoch aufgrund der hohen Emissionsaktivität unter Druck. Auch Hochzinsanleihen wurden durch erhöhte Emissionen belastet. Wandelanleihen behaupteten sich im Sog der Aktienmärkte und legten an Wert zu.

Fazit

  • Der Gleichlauf der zehnjährigen Staatsanleihenrenditen in der Schweiz und in Deutschland setzt sich unbeirrt fort.
  • Die Anleihenrenditen sind tief, sie unterschreiten das aktuelle Niveau trotz Unsicherheiten aber nicht merklich.
  • Informationen zur weiteren Gangart der Notenbanken werden an den geldpolitischen Sitzungen im September erwartet.

Weitere Anlageklassen: Gold schwankte im August stark und büßte leicht an Wert ein – ist aber nach wie vor teuer

Rohstoffe: Gold hat einen sehr schwankungsreichen Monat hinter sich mit einer Handelsspanne von rund 1970 bis 2060 US-Dollar je Unze. Auslöser dieser turbulenten Preisentwicklung waren die teils gegenläufigen Faktoren: Die tiefe Realrendite und der schwache US-Dollar beflügelten Gold. Die Risikofreude am Aktienmarkt hingegen dämpfte einen deutlich höheren Goldpreis. Hinzu kam der Nachrichtenfluss rund um Corona, welcher von geringeren Einschränkungen, über Hoffnungen an Impfstoffe bis zu anhaltend hohen Fallzahlen reichte. Die im Sommer deutlich angestiegenen Corona-Neuansteckungen in den USA sind moderat rückläufig, im August stiegen die Corona-Fälle in Europa allerdings erneut, was für Beunruhigung sorgt.

Cat Bonds: Cat Bonds konnten im Sommer von den saisonal bedingten Preisanstiegen bzw. Prämien-Rückgängen profitieren. Erst gegen Ende August hatte sich diese Entwicklung dann verlangsamt. Grund dafür waren zwei größere Ereignisse. Der Landfall des US-Hurrikans "Laura" und die Waldbrände in Kalifornien. Von beiden Naturkatastrophen erwartet man keine großen Schäden auf dem Cat-Bond-Markt, sodass im August eine positive Rendite erwirtschaftet werden dürfte.