Was die Märkte bewegt

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Newsletter vom 13. Juli 2020

Wie entwickeln sich Konjunktur, Aktien- und Anleihemärkte und Währungen in den kommenden Monaten? Chief Investment Officer Rolf Biland beurteilt die Lage.

Die Themen dieser Ausgabe:

Lagebeurteilung: Coronavirus lässt Nervosität wieder steigen

Das Coronavirus scheint wieder auf dem Vormarsch zu sein. In den USA nimmt die Rate der Neuansteckungen in einigen Landesteilen bedrohliche Ausmaße an. Auch in anderen bevölkerungsreichen Staaten wie Indien und Brasilien ist die Lage längst nicht unter Kontrolle. In der Schweiz sowie in verschiedenen Regionen Europas sind neue Infektionsherde entstanden. Mit dem sommerferienbedingten Reiseverkehr stehen wegweisende Wochen bevor. An den Finanzmärkten steigt entsprechend die Nervosität.

Das Risiko, dass es aufgrund einer zweiten Ansteckungswelle zu einem erneuten Einbruch an den Finanzmärkten kommt, kann wegen der umfangreichen Rettungsprogramme der Regierungen und Notenbanken jedoch gering gehalten werden. Allein die EZB wird in diesem Jahr für EUR 1,35 Billionen Anleihen kaufen. Ein großer Teil der coronabedingt zusätzlichen Schulden in der Eurozone wird so absorbiert werden – und damit als potenzieller Zinstreiber wegfallen. Und falls es zu einer zweiten Infektionswelle käme, dürfte das Ausmaß der Krise aufgrund der bisher gemachten Erfahrungen sowie der eingeübten Verhaltensregeln in Grenzen gehalten werden können.

Die zuletzt gestiegene Unsicherheit rund um das Coronavirus spiegelt sich kaum an den Aktienmärkten wider. Dort steigen die Kurse seit Mitte März im Großen und Ganzen kontinuierlich an (siehe Grafik).

TINA-Trade schiebt die Aktienmärkte an
Aufgrund der Rettungsprogramme zur Folgebekämpfung der Coronavirus-Pandemie hat sich die Alternativlosigkeit von Aktien gegenüber vielen anderen Anlageklassen akzentuiert – die Kurse steigen losgelöst von der fundamentalen Entwicklung.
TINA-Trade schiebt die Aktienmärkte an

Quelle: Bloomberg

Als Treiber hinter der Entwicklung gilt der sogenannte TINA-Trade. TINA steht für "there is no alternative". Gemeint ist die Alternativlosigkeit von Aktien in einem voraussichtlich noch viel länger anhaltenden Tiefzinsumfeld. Anleihen und andere Anlageklassen können Aktien aus Renditesicht schon lange nicht mehr das Wasser reichen. Dieser Faktor hat sich aufgrund der jüngsten Reaktionen der Notenbanken auf die Coronavirus-Krise sogar noch akzentuiert. Dort, wo es Spielraum bei den Leitzinsen gab, wurde dieser bereits ausgenutzt und sind die Notenbanken auf die Nulllinie gegangen.

Anleihen von Top-Schuldnern sind bereits seit einigen Jahren ein Verlustgeschäft, sofern die Titel bis zum Verfallstag gehalten werden. Für deutsche Staatsanleihen beispielsweise gibt es über fast alle Laufzeiten hinweg negative Verfallsrenditen.

Wie außergewöhnlich die Zeiten mittlerweile geworden sind, wurde vor wenigen Tagen einmal mehr deutlich. Der österreichische Staat hat einen hundertjährigen Bond mit einem Coupon von 0,85 Prozent platzieren können. Die Emission war sogar um ein Vielfaches überzeichnet. Das Beispiel zeigt: Als Risikoindikator und Gradmesser für Investitionsentscheide taugen die Zinsen längst nicht mehr. Sie wurden von den Notenbanken dem freien Spiel der Marktkräfte völlig entzogen. Die österreichische Anleihenauktion zeigt aber noch etwas anderes: An den Finanzmärkten rechnet offenbar niemand mehr mit einer nennenswerten Inflation auf viele Jahre hinaus. Denn gerade Anleihen mit langen Laufzeiten wären in einem inflationären Umfeld die großen Verlierer. Das wiederum bedeutet, dass die größte Konkurrenz für Aktien, der sichere Zins, auf sehr lange Zeit unattraktiv bleiben dürfte.

Aktien gehören also weiterhin ins Portfolio, obwohl sich die Kurse von der fundamentalen Entwicklung weitgehend abgekoppelt haben. Hier sollte der Fokus auf Qualitätsaktien bzw. auf defensiven Anlageregionen liegen, wie beispielsweise dem Schweizer Aktienmarkt. Anleihen sollten aber ebenso ein fester Bestandteil in den Depots sein. Die Erträge aus diesen Anlageklassen fallen im Vergleich zu Aktien derzeit zwar nicht so üppig aus. Doch in diesen tendenziell eher unsicheren Zeiten wiegt die Stabilisierungsfunktion viel schwerer. Dies wurde besonders deutlich während des Corona-Crashs Ende Februar. Anleger ohne Anleihen erlitten während der Krise viel stärkere Verluste als Anleger mit einem über mehrere Anlageklassen diversifiziertem Portfolio.

Fazit

  • Die Nervosität an den Finanzmärkten steigt, da die Coronavirus-Gefahr noch nicht gebannt ist.
  • Das Risiko, dass es aufgrund einer zweiten Infektionswelle zu einem Zusammenbruch an den Finanzmärkten kommt, ist wegen der Rettungsprogramme der Notenbanken relativ klein.
  • Die Alternativlosigkeit von Aktien gegenüber vielen anderen Anlageklassen hat sich in der Coronavirus-Krise akzentuiert.

Aktien: Globale Aktienindizes lassen den kurzzeitigen Rücksetzer Mitte Juni schnell hinter sich

Die Sorge um eine zweite Virus-Welle löste Mitte Juni kurzfristig starke Verkäufe an den Aktienmärkten aus. Begleitet wurde dieser Kursrücksetzer von einer deutlich höheren Volatilität. Die Corona-News erfassten in erster Linie die US-Börsen. Genauso schnell wie sich das Marktumfeld eingetrübt hatte, so schnell haben sich die einzelnen Aktienregionen aber auch wieder beruhigt. Über den Monat hinweg legte der Weltaktienindex weiter zu. Asien und die Schwellenländer gehörten zu den führenden Regionen.

Auf Sektorenebene lag die Präferenz klar auf den Zyklikern mit den IT-Werten an der Spitze. Auf dem zweiten Platz folgten Basiskonsumgüter. Kommunikationsdienstleister hingegen litten unter Abgabedruck, weil mit Facebook einer der großen Titel mit Vorwürfen hinsichtlich des Umgangs mit Diskriminierung zu kämpfen hatte.

Auf Seiten der Faktoren blieben einerseits Value und andererseits klein- und mittelkapitalisierte Werte zurück. Anleger steuerten indes eher in Richtung der Faktoren Momentum und Quality.

Demnächst im Fokus stehen werden die Unternehmensberichte der US-Firmen zum zweiten Quartal. Es werden zeitnahe Signale zum Zustand der Geschäfte während des Lockdowns sowie während der ersten Lockerungen erwartet. Inzwischen vermeldet die Konjunktur wieder vereinzelte v-förmige Daten. Diese weisen auf erste Erholungsanzeichen hin. Ein Beispiel dafür sind die Einzelhandelsumsätze in den USA. Sie weisen auf eine mögliche Rückkehr der Konsumfreude in den USA hin.

Fazit

  • Der Rücksetzer von Mitte Juni zeigt die nach wie vor hohe Sensitivität der Aktienmärkte auf Corona-News.
  • Zyklische Sektoren führen die Märkte an und Momentum weist als Faktor die Richtung.
  • Die kommenden Unternehmensberichte zeigen den Zustand der Realwirtschaft während des Lockdowns an. Frühindikatoren zur Konjunktur zeigen erste Erholungstendenzen an.

Zinsen: Sorge vor zweiter Pandemiewelle führt zu nochmaligem Zinsrückgang

Die aufgeflammten Sorgen um eine zweite Pandemie-Welle haben bei den langjährigen Zinswerten zu einer erhöhten Nachfrage geführt. In der Folge sind die Zinssätze für zehnjährige Staatsanleihen der Regionen Europa und USA gesunken. Damit notieren sie leicht unter dem Niveau von Mitte Juni.

Bei den Zinstreffen der großen Zentralbanken kam es im Juni zu keinen Leitzinsanpassungen. Die amerikanische Notenbank Fed änderte ebenfalls nichts am bestehenden Leitzinsband. Die Erwartungen der Zentralbankmitglieder (Dot Plots) spiegeln die nach wie vor expansive Haltung wider und signalisieren Nullzinsen bis Ende 2022. Das Anleihenkaufprogramm wird mit Einkäufen von mindestens USD 120 Milliarden monatlich weitergeführt. Die Bank of England erweiterte ihr Anleihenkaufprogramm ebenfalls um weitere GBP 100 Milliarden.

Während im Staatsanleihensegment nur wenig Rendite zu holen ist, entwickeln sich Unternehmensanleihen zugunsten der Anleger. Die Indizes notieren dank eines leichten Rückgangs der Risikoprämien im Plus, wobei der Bereich der US-Unternehmensanleihen die beste Performance ausweist. Weniger gut entwickeln sich derzeit Hochzinsanleihen, da sie unter verschiedenen Ausfällen und Herabstufungen der Bonität leiden.

Fazit

  • Sorge vor zweiter Corona-Welle senkte zehnjährige Staatsanleihen zurück auf rekordtiefe Niveaus.
  • Zentralbanken senken die Leitzinsen nicht weiter, reduzieren jedoch ihre Wachstums- und Inflationsprognosen.
  • Staatsanleihen werfen kaum Rendite ab, Unternehmensanleihen hingegen entwickeln sich dank gesunkenen Risikoprämien gut.

Weitere Anlageklassen: Rohstoffe gewinnen weiter an Wert

Rohstoffe: Nachdem sich Gold über mehrere Monate hinweg zwischen 1.700 und 1.750 USD pro Unze bewegte, gelang dem Edelmetall in der zweiten Junihälfte der Ausbruch nach oben bis auf über 1.785 USD. Damit kostete es so viel wie zuletzt im Jahr 2012. Der Goldpreis legte im ersten Halbjahr um über 17 Prozent zu. Einerseits führte die Unsicherheit rund um das Coronavirus zu einer immer höheren Nachfrage nach der als sicher geltenden Goldanlage, andererseits verstärkte die zunehmend lockere Geldpolitik der Notenbanken die Suche nach Inflationsschutz.

Auch beim Ölpreis hatte die Sorge um eine zweite Pandemie-Welle seine Wirkung entfaltet. Öl kostete kurzzeitig nochmals leicht weniger, erholte sich dann aber wieder rasch. Der insgesamt über den Juni gestiegene Preis beider Rohölsorten reflektiert die langsame Wirtschaftserholung aufgrund der Lockerungen in einigen Ländern. Noch kostet Öl jedoch etwas zu wenig, um ein für die Energieunternehmen wirtschaftliches Niveau zu bilden. Damit ist auch die vorerst bescheidene Entwicklung des Sektors Energie als Ganzes zu erklären.