Was die Märkte bewegt

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Newsletter vom 16. Juni 2020

Wie entwickeln sich Konjunktur, Aktien- und Anleihemärkte und Währungen in den kommenden Monaten? Chief Investment Officer Rolf Biland beurteilt die Lage.

Die Themen dieser Ausgabe:

Lagebeurteilung: Zurück im Vorkrisenmodus

An den Finanzmärkten ist die Normalität zurückgekehrt – sofern ultraexpansive Geldpolitik und Null- und Negativzinsen als normal gelten dürfen. Jedenfalls waren die vergangenen Wochen relativ ruhig. Und die Kursbewegungen innerhalb der verschiedenen Anlageklassen blieben im Großen und Ganzen unauffällig. Insgesamt machten sich unter den Investoren konjunkturelle Zuversicht und die Hoffnung breit, dass das Pandemierisiko beherrschbar ist.

Schaut man auf die Aktienmärkte, scheint die Coronavirus-Krise abgehakt zu sein. Allerdings taugen die Aktienmärkte als Barometer für den Zustand der Weltwirtschaft wenig. Denn die Kurse haben sich von der wirtschaftlichen Realität, vor allem in den letzten Monaten, praktisch vollständig entkoppelt. Obwohl die Weltwirtschaft über viele Wochen hinweg quasi im künstlichen Koma lag und eine der schwersten Rezessionen der jüngeren Vergangenheit bevorsteht, steigen die Notierungen seit drei Monaten. Dass die "Corona-Delle" damit bereits fast wieder ausgebügelt ist, freut zwar die Anleger. Doch ist dieser Optimismus gerechtfertigt? Hierfür müssen andere Indikatoren herangezogen werden.

Rohstoffindizes zum Beispiel sind wichtige Gradmesser für den Zustand der Weltwirtschaft, denn circa ein Viertel des Warenaustauschs rund um den Erdball entfällt auf Rohstoffe. Wächst die Weltwirtschaft, dann steigen die Rohstoffpreise und umgekehrt. Deswegen werden Rohstoffindizes oft auch als Fieberkurve der Weltwirtschaft bezeichnet. Außerdem beeinflussen die billionenschweren Hilfsprogramme der Notenbanken und Regierungen zur Bekämpfung der Pandemiefolgen die Rohstoffmärkte weniger stark als die Aktienmärkte.

Die Energiepreise haben aber ein relativ hohes Gewicht in diesen Indizes, weshalb sie von den tiefen Erdölnotierungen stark belastet werden. So fanden am Ölmarkt Angebot und Nachfrage trotz der Förderbeschränkungen der wichtigsten Ölländer bislang noch immer nicht zusammen. Deswegen schielen viele Börsianer für eine Standortbestimmung derzeit vor allem auf den Kupferpreis. Das Metall wird für so viele industrielle Anwendungen benötigt, dass dem Kupferpreis zugetraut wird, die Stärke der Nachfrage in der Weltwirtschaft recht zuverlässig widerspiegeln zu können. Und hier zeigt sich, dass der an den Aktienmärkten vorherrschende Optimismus durchaus seine Berechtigung haben kann. Denn auch hier wurde das im Zuge der Coronavirus-Krise preisgegebene Terrain bereits fast wieder aufgeholt (siehe Grafik).

Kupfernachfrage signalisiert Industrieerholung
Während der breit aufgestellte Rohstoffindex (Bloomberg Commodity) von den tiefen Ölpreisen zurückgehalten wird, konnte der Kupferindex die während der Coronavirus-Krise erlittenen Verluste bereits nahezu vollständig aufholen (Preise in US-Dollar, Entwicklung in Prozent).
Kupfernachfrage signalisiert Industrieerholung

Quelle: Bloomberg

Dieser Optimismus wird gestützt von weiteren Konjunkturindikatoren, wie zum Beispiel den Einkaufsmanagerindizes. Hier lassen sich eine deutliche Stimmungsaufhellung und eine absehbare Rückkehr in die Expansionszone ablesen.

Während zudem die Bedrohung durch das Coronavirus etwas in den Hintergrund getreten ist, meldete sich mit den weiterhin verfahrenen und bislang ergebnislos verlaufenen Brexit-Verhandlungen ein altbekannter Unsicherheitsfaktor zurück. Gelingt hier nicht bald ein Durchbruch, müsste die bis Ende 2020 geltende Übergangsfrist für den Austritt aus der EU verlängert werden. Das lehnt die Regierung Johnson bislang jedoch strikt ab. Oder es kommt doch noch zu einem "harten" Brexit, der sehr wahrscheinlich einschneidende wirtschaftliche Folgen auf beiden Seiten des Ärmelkanals haben dürfte.

Auch der geostrategische Konflikt zwischen den USA und China, der bislang innerhalb der Handelsbeziehungen zwischen den beiden dominierenden Machtblöcken ausgetragen wird, ist an den Finanzmärkten wieder ein größeres Thema geworden. Hier haben sich die Fronten zuletzt wieder verhärtet.

Die größte Unbekannte bleibt aber das Coronavirus beziehungsweise dessen Folgen für die Weltwirtschaft. Gelingt es tatsächlich, die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie schrittweise aufzuheben und den Konjunkturmotor wieder auf höhere Drehzahlen zu bringen? Oder kommt es zu einer zweiten oder gar dritten Infektionswelle, was die Wirtschaft erneut heftig zurückwerfen würde? Wie lange dauert es, bis die globalen Lieferketten wieder rund laufen? Wann gibt es einen Impfstoff oder Medikamente, wodurch das Virus seine akute Bedrohung verlieren würde? Auf diese Fragen wird es wohl so bald keine Antworten geben. Damit bleibt das Umfeld trotz Zuversicht unsicher. Eine defensive und auf hohe Qualität setzende Portfoliopositionierung bleibt daher angezeigt.

Fazit

  • Der an den Aktienmärkten vorherrschende Optimismus kann mit Blick auf verschiedene Konjunkturindikatoren durchaus seine Berechtigung haben.
  • Mit den Brexit-Verhandlungen und dem Handelsstreit zwischen den USA und China drängten zwei altbekannte Unsicherheitsfaktoren wieder stärker in den Vordergrund.
  • Eine defensive und auf hohe Qualität setzende Portfoliopositionierung bleibt angezeigt.

Aktien: Zyklische Erholung setzt sich fort

Seit Mai dominiert nicht mehr nur Corona die Finanzmärkte. Die aufgewärmten Handelsstreitigkeiten zwischen China und den USA beschäftigen die Medien wieder vermehrt und seit Anfang Juni sorgen auch die Unruhen im Zusammenhang mit der Polizeigewalt in den USA für Schlagzeilen.

Bei den Sektoren konnten entsprechend die zyklischen Werte stärker profitieren als die defensiven – insbesondere die Sektoren, welche im März die herbsten Verluste einstecken mussten, konnten weiter aufholen: Industrietitel, Energie, Roh- Hilfs- und Betriebsstoffe sowie Konsum Zusatzbedarf. Aber auch IT-Werte, welche sich in den schwierigen Börsenphasen gut gehalten hatten, können erneut eine starke Performance aufweisen, was auch die starke Entwicklung des Nasdaq erklärt.

Angetrieben von den zyklischen Werten ist es dem MSCI World gelungen, den Widerstand um 2.100 Punkte sowie den 200-Tagesdurchschnitt dynamisch zu durchbrechen. Damit hat der Markt ein klar positives Signal gesetzt und dürfte in den kommenden Wochen seine Aufwärtsbewegung fortsetzen. Natürlich werden weitere Kursanstiege nicht ohne zwischenzeitliche Rücksetzer realisiert werden können. Kurzfristig ist jedoch nicht mit einer deutlichen Korrektur in Richtung der März-Tiefststände zu rechnen. Somit dürfte der Weltaktienindex schon bald neue Allzeithöchststände markieren. Neben den zyklischen Sektoren zeigten auch kleinkapitalisiertere Unternehmen sowie Firmen mit tiefen Bewertungen eine Outperformance. Sollte diese Rotation anhalten, würde das die Entwicklung des Gesamtmarktes unterstützen. Aufgrund des verbesserten technischen Bildes wäre dann das Portfolio neutral beziehungsweise leicht offensiv auszurichten.

Der Zustand der Wirtschaft hat sich in den vergangenen Wochen etwas gebessert. Die Einkaufsmanagerindizes für den Dienstleistungssektor zeigen für viele Länder eine Durchschreitung des Tiefpunkts an. Auch die jüngsten Daten aus dem US-amerikanischen Arbeitsmarkt stimmen zuversichtlich, dass sich die Wirtschaft schneller erholen kann als bislang erhofft. Die Tatsache jedoch, dass der Großteil der Lockdowns in den Monaten April und Mai umgesetzt wurde, macht schwache Konjunkturdaten für das zweite Quartal nochmals wahrscheinlich.

Fazit

  • Das aktienfreundliche Umfeld setzte sich auch im Mai fort, wenn auch weniger dynamisch als noch im April.
  • Die Rotation in zyklische Sektoren setzt sich ebenfalls fort. Daran partizipierten Titel aus den Sektoren Industrie, Energie und Konsum Zusatzbedarf.
  • Die aktuellen Konjunkturdaten deuten eine baldige Erholung der Wirtschaft an, jedoch ist eine solche aufgrund der ausstehenden Zahlen zum zweiten Quartal noch stark in Frage gestellt.

Zinsen: Geringeres Bedürfnis nach sicheren Staatsanleihen

Die Nachfrage nach sicheren Staatspapieren hatte in den vergangenen vier Wochen etwas abgenommen. Die überraschend starken Arbeitsmarktdaten aus den USA trugen ihrerseits ebenfalls zum deutlichen Renditeanstieg der 10-jährigen US-Staatsanleihen Anfang Juni bei. Die allgemein gesunkene Nachfrage war aber hauptsächlich durch die Risk-On-Stimmung am Aktienmarkt begründet und ging mit einem Anstieg der 10-jährigen Staatsanleihenrenditen einher. Dieser Anstieg war am deutlichsten in den USA. Der stärkere Anstieg am langen Ende führte zu einer Versteilerung der Zinskurve.

Zusätzlich zum generell aktienfreundlicheren Marktumfeld trugen auch geldpolitische Maßnahmen dazu bei, dass sich die Nachfrage hin zu risikoreicheren Anleihenpapieren verlagerte. Die Europäische Zentralbank beschloss in ihrer Sitzung von Ende Mai eine Erweiterung des Pandemie-Anleihenkaufprogramms um weitere EUR 600 Mrd. Diese Summe lag über den Markterwartungen. Außerdem wird das Kaufprogramm bis Ende Juni 2021 verlängert. Die EZB erwartet für das laufende Jahr einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 8.7%, außerdem hatte sie ihre Inflationsprognosen gesenkt. Angela Merkel und Emmanuel Macron stellten Ende Mai die Einführung eines EU-Wiederaufbaufonds vor. Von diesem würden vor allem die finanzschwachen Peripherie-Länder profitieren. Seit der Ankündigung haben sich die Risikoaufschläge dieser Länder (u.a. Italien und Spanien) bereits deutlich eingeengt.

Auch von der heutigen Sitzung der amerikanischen Fed ist zu erwarten, dass sie ihre ultra-lockere Geldpolitik nochmals bekräftigt. Im Vorfeld der Sitzung hatte sie ein Unterstützungsprogramm für klein- und mittelkapitalisierte Unternehmen in Aussicht gestellt.

Auch in den Subsegmenten ist die Unterstützung der Notenbanken und der Regierungen spürbar. Folglich gingen die Risikoprämien weiter zurück. Unternehmensanleihen sind gefragt, besonders jene Anleihen mit hoher Bonität, kurzen Laufzeiten und jene welche Teil des Anleihenkaufprogramms (Quantitative Easing) sind.  Noch stärker waren die Rückgänge der Risikoprämien im Bereich der Hochzinsanleihen. Die stärkste Performance legten die Wandelanleihen hin.

Fazit

  • Steigende Anleihenrenditen spiegeln das gesunkene Anlegerbedürfnis nach sicheren Häfen wider.
  • Die EZB kündigte an ihrem letzten Meeting eine Ausweitung des Pandemie-Anleihenkaufprogramm um EUR 600 Mrd. an. Auch die Fed möchte mit Hilfe eines ‚Main Street Lending Programs‘ jene Unternehmen unterstützen, welche durch die Corona-Krise in eine schwierige Situation gelangten.
  • Die Verlagerung von defensiven Anlagesegmenten zu risikoreicheren führte bei den Subsegmenten zu niedrigeren Risikoprämien.

Weitere Anlageklassen: Gold beweist seine defensiven Qualitäten

Rohstoffe: Der Wert einer Unze Gold konnte sich relativ lange über 1.700 USD halten und den Mai auch über dieser Marke abschließen. Dies ist bemerkenswert, da die Aktienmärkte erneut einen guten Monat für sich verbuchen konnten. Die defensiven Qualitäten von Gold waren unter den Anlegern aber scheinbar dennoch gesucht.

Erst durch den überraschend positiven Arbeitsmarktbericht in den USA fiel der Goldpreis wieder unter 1.700 USD, weil sich die Marktteilnehmer verstärkt Hoffnungen auf eine baldigere Erholung der Wirtschaft machten als bislang angenommen.