Was die Märkte bewegt

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Newsletter vom 18. Mai 2020

Wie entwickeln sich Konjunktur, Aktien- und Anleihemärkte und Währungen in den kommenden Monaten? Chief Investment Officer Rolf Biland beurteilt die Lage.

Die Themen dieser Ausgabe:

Lagebeurteilung: Hohe Unsicherheit über Tiefe und Länge der globalen Rezession

Es sind außergewöhnliche Zeiten, vor allem auch an den Börsen. Die teils widersprüchlichen Signale der Finanzmärkte zu deuten ist nicht einfach.

Da sind einerseits die beeindruckende Erholungsrally an den Aktienmärkten und die Stabilisierung beim Ölpreis – wenn auch letzteres auf sehr niedrigem Niveau (siehe Grafik). Beides kann als Zeichen dafür gedeutet werden, dass sich Zuversicht unter den Anlegern breitmacht. Andererseits verharrt der Goldpreis auf hohem Niveau. Das wiederum ist ein Hinweis auf ein starkes Sicherheitsbedürfnis der Anleger. Und an den globalen Anleihenmärkten sind die Risikoaufschläge von Unternehmen mit schlechter Bonität weiterhin sehr ausgeprägt. Hier scheinen die Investoren die konjunkturelle Entwicklung und die Wirkung der historisch wohl einmaligen geld- und fiskalpolitischen Stimuli zur Bewältigung der Coronavirus-Krise eher skeptisch zu betrachten.

Ölpreis stabilisiert sich
Angebot und Nachfrage klaffen am Ölmarkt weit auseinander. Nun zeichnet sich nach dem Preissturz eine Bodenbildung ab.
Ölpreis stabilisiert sich

Quelle: Bloomberg

Die divergierenden Entwicklungen innerhalb der verschiedenen Anlageklassen dürften auf die hohe Unsicherheit über die Tiefe und Länge der bevorstehenden globalen Rezession zurückzuführen sein. Tatsächlich treten die Bremsspuren der globalen Wirtschaft erst nach und nach zutage. Konjunkturelle Frühindikatoren wie die in den Keller gerauschten Einkaufsmanager- oder Geschäftsklimaindizes geben zwar wichtige Anhaltspunkte und ermöglichen Rückschlüsse auf die aktuelle Lage.

Dabei handelt es sich aber um "weiche" Daten, die auf Stimmungen und Einschätzungen basieren. Doch auch "harte" Makrodaten, sogenannte Präsensindikatoren, geben nur ein unzureichendes Bild der wirtschaftlichen Realität. Ein Beispiel sind die Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) für das erste Quartal 2020. In der Eurozone sank es um 3,8 Prozent im Vergleich zum Vorquartal, in den USA resultiert eine auf das Jahr hochgerechnete Rate von -4,8 Prozent. In beiden Fällen handelt es sich um jeweils außergewöhnlich starke Rückgänge – und das, obwohl die Wirtschaft erst in der zweiten Märzhälfte ins künstliche Koma versetzt wurde. Das ganze Ausmaß des Lockdown wird also erst in den BIP-Zahlen zum zweiten Quartal ersichtlich.

Die Sichtbarkeit der Coronavirus-Folgen bleibt bis auf weiteres somit sehr gering, was ein großer Unsicherheitsfaktor ist. Zudem ist noch völlig unklar, ob im wirtschaftlichen und öffentlichen Leben eine Rückkehr zur Normalität ohne Impfstoffe überhaupt möglich sein wird. In vielen Ländern werden zwar die Pandemiemaßnahmen zaghaft gelockert. Dabei kann die Gefahr einer zweiten Infektionswelle aber nicht völlig ausgeschlossen werden.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist der Handelskonflikt zwischen den USA und China, der in den letzten Tagen aufgrund diverser Tweets von US-Präsident Donald Trump wieder stärker in den Vordergrund trat. So drohte er unter anderem neue Strafzölle an, da er China vorwirft, nicht genug gegen die Ausbreitung des Coronavirus getan zu haben.

An den Finanzmärkten dürften die Kursschwankungen in der nächsten Zeit also weiterhin relativ ausgeprägt sein. Deswegen sollten Anleger nicht zu stark von der langfristigen Anlagestrategie abweichen und eine defensive Positionierung innerhalb ihres Portfolios beibehalten.

Fazit

  • Die geringe Sichtbarkeit der Coronavirus-Folgen ist ein großer Unsicherheitsfaktor.
  • Der Handelsstreit meldet sich als weiterer Unsicherheitsfaktor zurück.
  • Aus Anlegersicht sind eine weiterhin defensive Positionierung und ein Festhalten an der langfristigen Anlagestrategie angezeigt.

Aktien: Die Hoffnung überwiegt

Der April hat die Hoffnung zurück an die Aktienmärkte gebracht. Der Verkaufsdruck der vorhergehenden Wochen hat deutlich nachgelassen. Zudem profitieren Aktienanleger von der immensen Tiefzinspolitik und der damit einhergehenden Alternativlosigkeit für Geldanlagen. Gegenüber dem Stand vor vier Wochen notieren alle Anlageregionen im Plus. Einzige Ausnahme ist der Europäische Stoxx 50 Index.

Sektoral betrachtet hat im April eine Nachfragerotation hin zu zyklischen Titeln stattgefunden. Defensive Qualitäten waren diesen Monat weniger gefragt. An der Erholung partizipieren konnte insbesondere der IT-Sektor, wovon auch die USA als Gesamt-Anlageregion profitierten. Auch bei den Faktoren konnten die offensiveren Strategien, insbesondere jene mit Fokus auf klein- und mittelkapitalisierte Unternehmen, überproportional zulegen. Strategien basierend auf Low Volatility-Ansätzen profitierten dagegen nur bedingt.

Die Gewinnsaison zum ersten Quartal zeigte erste Folgen der Corona-Krise. In den USA sind die Unternehmensgewinne gefallen, wobei sich die stärksten Rückgänge bei den Finanzwerten niedergeschlagen haben. In Europa sind Rückgänge vor allem bei den Konsumgüterunternehmen zu beobachten. Da die Lockdown-Maßnahmen erst ab April verbreitet umgesetzt wurden, rechnen viele Marktteilnehmer damit, dass die Gewinne im zweiten Quartal erst spürbar einbrechen werden.

Für den weiteren Verlauf zählt nach wie vor der globale Verlauf der Krankheitsfälle. Es ist das mit Abstand wichtigste Element für die Entwicklung der Märkte. Sobald sich in den wichtigsten Nationen klar rückläufige Neuerkrankungen abzeichnen und die Regierungen die restriktiven Lockerungsmaßnahmen aufheben können, werden sich Marktteilnehmer auf die wirtschaftlichen Schäden konzentrieren können. Deren Beurteilung dürfte dann für Aktien den wichtigsten Treiber darstellen.

Der MSCI World konnte in den letzten Wochen seine Erholungstendenz in Richtung von 2.100 Punkten fortsetzen. Da die Erholung bisher sehr konsolidierungstypisch verlaufen ist, muss aus technischer Sicht nach Abschluss dieser Bewegung mit einer nochmaligen Schwächephase gerechnet werden. Erst ein nachhaltiges Überschreiten der Marke um 2.100 Punkte würde dieses negative Szenario in Frage stellen. Auf der anderen Seite ergäbe ein Bruch der Unterstützung bei 1.900 Punkten eine erste klare Indikation, dass der Markt nochmals unter Druck kommen dürfte. Sollte es zu einer zweiten Abwärtsbewegung kommen, ist mit einem Test der bisherigen Tiefstkurse zu rechnen. Je nach Nachrichtenlage ist ein Unterziehen dieser Kursstände nicht auszuschließen. Damit ist für den Moment eine vorsichtige Portfoliopositionierung angezeigt.

Fazit

  • Die Stimmungslage am Aktienmarkt ist zuversichtlich. Im Moment überwiegt der Fokus auf "Good News". Davon profitieren die zyklischen Sektoren wieder vermehrt.
  • Der Zustand ist jedoch fragil solange keine Gewissheit über die wirtschaftlichen Folgen der Lockdown-Maßnahmen besteht.
  • Die Zahlenkränze der Unternehmen zum ersten Quartal zeigten erste Folgen der Krise. Es ist mit einem weiteren Rückgang der Gewinnzahlen im zweiten Quartal zu rechnen.

Zinsen: Der ungewisse Ausgang der Corona-Krise treibt Anleger in sichere Staatsanleihen

Auf eine kurze Zwischenphase ansteigender Zinsen folgte im April ein nochmaliger Rückgang langjähriger Staatsanleiherenditen. Die Nachfrage nach sicheren Staatsanleihen hat inzwischen aufgrund der Marktverunsicherung wieder angezogen. Diese Tendenz der rückläufigen Anleiherenditen war in Europa sowie den USA spürbar. Neben den Unsicherheiten welche die Corona-Krise für die Wirtschaft und Börsen bereithält, ist auch der von Trump wieder ins Spiel gebrachte Handelskrieg zwischen den USA und China dafür verantwortlich.

Am Zinsmeeting von Ende April hat die EZB am aktuellen Niveau für ihre Leitzinsen festgehalten. Der Effekt von weiteren Zinssenkungen ist ohnehin fraglich, da das Niveau bereits auf null Prozent liegt. Eine Anpassung unternimmt sie allerdings durch die Lockerung bei den Konditionen für das langfristige Refinanzierungsgeschäft für Banken (TLTRO). Damit soll insbesondere die Marktliquidität sichergestellt werden. Auch laufende Anpassungen am Anleihenkaufprogramm (QE) sowie am Pandemie-Kaufprogramm (PEPP) behält sich die EZB vor.

Ebenfalls stattgefunden hat das Zinstreffen der amerikanischen Fed. Sie gab sich ebenfalls zurückhaltend, indem sie keine Veränderung der Leitzinsen vorgenommen hat. Bis Ende des zweiten Quartals werden keine weiteren Zinsschritte erwartet. Der Vorsitzende der Fed, Jerome Powell, betonte hingegen die Notwendigkeit von weiteren Fiskalstimuli. Auch andere Volkswirtschaften weiten ihre Unterstützung durch fiskalische Programme aus.

Das Subsegment der Wandelanleihen hat entsprechend an der Erholung des Aktienmarktes partizipiert. Infolge der weiteren Einengung der Risikoaufschläge, konnten sich Unternehmensanleihen ebenfalls profitabel entwickeln. Auch das Segment der Hochzinsanleihen konnte dank gesteigerter Nachfrage zulegen.

Fazit

  • Das geldpolitische Umfeld begünstigt ein länger anhaltendes Tiefzinsumfeld.
  • Die Notenbanken verändern zwar ihre Leitzinsen nicht, sie greifen den Märkten jedoch mit anderen geldpolitischen Instrumenten unter die Arme.
  • Neben Staatsanleihen, beendeten auch die Subsegmente am Zinsmarkt (Wandel-, Unternehmens- und Hochzinsanleihen) die vergangenen vier Wochen mit einer positiven Bilanz.

Weitere Anlageklassen: Ölmarkt erfährt den drastischsten Preisrückgang in der Geschichte

Rohstoffe: Der Wert einer Unze Gold ist seit Ende März wieder spürbar angestiegen. Damit hat die Rückbesinnung auf sichere Anlagehäfen erneut begonnen. Inzwischen kostet die Unze wieder knapp über 1.700 USD, was einem Plus von rund 12 Prozent seit Anfang des Jahres entspricht. Nicht zuletzt wegen des wiederum aufgewärmten Handelskriegs zwischen China und den USA konnte Gold Nachfragezuflüsse verzeichnen.

Im Bereich der Rohstoffe sorgten jedoch die Ölpreise für weitaus mehr Aufsehen. Historisch waren die erratischen Bewegungen insbesondere bei der amerikanische Rohölsorte WTI. Der Preis für ein Fass Öl rutschte sogar in den negativen Bereich. Dafür verantwortlich waren auslaufende Futures-Kontrakte und die Tatsache, dass wegen der beinahe aufgebrauchten Lagerkapazitäten physische Lieferungen für spekulative Investoren zum Problem wurden. Dies betraf jedoch nur das amerikanische WTI, Brent blieb davon verschont, weil die Lagersituation besonders in den USA knapp ausfällt. Doch bereits zuvor führte die geringe Nachfrage in Kombination mit der noch relativ hohen Fördermenge zu einer negativen Preisentwicklung beider Ölsorten.

Inzwischen nimmt die Zahl der aktiven Bohrtürme in den USA ab, weil sich eine Förderung zum jetzigen Preis kaum mehr lohnt. Zudem hatten die OPEC+-Mitgliedsstaaten eine weitere Drosselung beschlossen. In den jüngsten Handelstagen profitierte Öl zusätzlich von den ersten Lockerungen der Corona-Maßnahmen und der daraus resultierten höheren Wirtschaftsaktivität.