Was die Märkte bewegt

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Newsletter vom 13. März 2020

Wie entwickeln sich Konjunktur, Aktien- und Anleihemärkte und Währungen in den kommenden Monaten? Chief Investment Officer Rolf Biland beurteilt die Lage.

Die Themen dieser Ausgabe:

Lagebeurteilung: Heftige Turbulenzen an den globalen Finanzmärkten

Das Coronavirus hat die globalen Finanzmärkte infiziert. Die Aktienmärkte wurden von einer Verkaufswelle durchgeschüttelt, von der praktisch kaum ein Sektor und kaum eine Anlageregion verschont geblieben ist. Im Gegenzug waren Sicherheit versprechende Geldanlagen besonders gefragt. Letzteres ließ in den USA die Anleiherenditen regelrecht kollabieren. Hinzu kommen Uneinigkeiten unter den wichtigsten Erdölförderländern, die den Ölpreis auf Talfahrt schickten.

Bislang waren die konjunkturellen Risiken und die geopolitischen Unsicherheiten für die Notenbanken beherrschbar. Die Finanzmärkte wussten um diese Schützenhilfe. Deswegen konnten weder die Staatsschuldenkrise in Europa, der Brexit, der Handels- und Irankonflikt noch die zwischenzeitlichen Rezessionssorgen dem Bullenmarkt an den Aktienmärkten etwas anhaben.

Doch plötzlich scheinen die Notenbanken nicht mehr Herr der Lage zu sein. Das Coronavirus scheint ein "Schwarzer Schwan" zu sein. Mit dieser Metapher beschreibt der ehemalige Börsenhändler Nassim Taleb in seinem gleichnamigen Buch von 2007 höchst unwahrscheinliche bzw. gänzlich unerwartete Ereignisse, die schwerwiegende Konsequenzen haben. Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers 2008 gilt als Schwarzer Schwan. Denn nicht die zügellose Vergabe von Subprime-Hypotheken oder die Verbriefung und der Handel mit diesen Subprime-Krediten waren der Auslöser für die weltweite Finanzkrise. Das Ereignis, das die globalen Finanzmärkte aus ihren Angeln hob, war der Konkurs von Lehman Brothers. Bis dahin hatte niemand geglaubt, dass die US-Administration eine wichtige Investmentbank tatsächlich fallenlassen würde.

Und nun stehen die Notenbanken vor dem Problem, dass ihre bisherige Medizin gegen die Folgen der Coronakrise bislang wenig auszurichten scheint. Das überraschende Absenken der Leitzinsen in den USA und in Kanada um jeweils einen halben Prozentpunkt hat die Lage an den Finanzmärkten jedenfalls nicht beruhigen können. Wichtiger dürfte den Notenbanken die Signalwirkung gewesen sein: Wir bleiben nicht tatenlos.

Der wirtschaftliche Nutzen von Zinssenkungen darf unter diesen Umständen jedoch bezweifelt werden. Denn das Problem der unterbrochenen Lieferketten und der verunsicherten Konsumenten lässt sich damit nicht aus der Welt schaffen. Zudem ist der Spielraum bei den Leitzinsen in Europa praktisch ausgereizt. Einen größeren Effekt dürften in dieser Gemengelage zusätzliche Liquiditätshilfen der Notenbanken haben, zum Beispiel in Form von Wertpapierkäufen. Die Europäische Zentralbank hatte sich diesen Donnerstag zu einer solchen Maßnahme entschlossen. Mit Spannung werden nun vor allem auch die geldpolitischen Entscheide der US-Notenbank am kommenden Mittwoch erwartet.

Für Anleger gilt es in dieser Zeit Ruhe zu bewahren. Überhastete Transaktionen sollten unbedingt vermieden werden und die Anlagestrategie sollte nicht plötzlich über den Haufen geworfen werden. Auch wenn die Kursverluste an den Aktienmärkten in den vergangenen Tagen relativ ausgeprägt waren: Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass größere Korrekturen sehr häufig vorgekommen sind (siehe Tabelle). Zudem wird deutlich, dass die Aktienmärkte die Tendenz haben, sich nach extremen Korrekturen sehr schnell und stark zu erholen. Verpassen Anleger nur schon wenige Tage oder Wochen dieser starken Aufwärtsbewegung, kostet das sehr viel Rendite.

Die neun schlechtesten Wochenrenditen im FTSE 100 der letzten 35 Jahre

Woche endete zum ... Wochenperformance 3 Monate nach dem Rückgang 6 Monate nach dem Rückgang 1 Jahr nach dem Rückgang
23.10.1987 -22% -1% -1% 4%
10.10.2008 -21% 13% 1% 31%
28.02.2020 -11% ? ? ?
21.11.2008 -11% 3% 15% 39%
05.08.2011 -10% 5% 12% 10%
12.07.2002 -8% -6% -6% -4%
06.03.2009 -8% 26% 37% 59%
07.05.2010 -8% 4% 15% 17%
06.11.1987 -7% 7% 11% 13%
Durchschnitt   6% 11% 21%

Größere Korrekturen sind an den Aktienmärkten keine Seltenheit, wie am Beispiel des britischen FTSE 100 zu sehen ist. Im Normalfall notieren die Aktien nach derart schlechten Wochenrenditen wie Ende Februar 2020 nach drei, sechs und zwölf Monaten klar höher. Quelle: Schroders

Noch ist zwar völlig unklar, wie stark die Ausbreitung der Lungenkrankheit die Konjunktur bremsen wird. Bei den Aussichten für die globale Wirtschaft muss aber wohl über die Bücher gegangen werden. Für etwas Zuversicht sorgt der Blick nach China. Dort sind nicht nur die Zahlen der mit dem Coronavirus infizierten Personen stark gesunken. Auch die Industrieproduktion zeigt erste Anzeichen einer Normalisierung. Zudem konnte sich der chinesische Aktienmarkt in den vergangenen Wochen sogar leicht erholen. Es spricht also einiges dafür, dass die Unsicherheiten rasch wieder vorbeigehen dürften.

Fazit

  • Wurde die Ausbreitung des Coronavirus in China von den globalen Finanzmärkten zunächst noch weitgehend ignoriert, kamen die Märkte mit den ersten Corona-Infektionen außerhalb Chinas gehörig unter Druck.
  • Alle wichtigen Notenbanken haben ihre Schützenhilfe zugesagt. Unklar ist derzeit, welche geldpolitischen Maßnahmen gegen die Coronakrise helfen.
  • In China sind erste Lichtblicke zu sehen: Die Zahl der Infizierten steigt nicht weiter und die Industrieproduktion scheint wieder anzuspringen.

Aktien: Die Zuspitzung am Aktienmarkt ist eine Folge großer Unsicherheit

Spätestens seit der rasanten Ausbreitung des Coronavirus außerhalb Chinas kamen die internationalen Aktienmärkte gehörig unter Druck. Die schwer abschätzbaren Folgen für die Wirtschaft ist das, was die Börsen stark verunsichert. Anfangs wirkten sich die Maßnahmen zur Eindämmung einer weiteren Virusausbreitung – darunter die Schließung von Produktionsstätten, Absage von Veranstaltungen sowie Quarantänevorschriften – vor allem in China selbst und in den umliegenden Volkswirtschaften aus. Mittlerweile dürfte aufgrund der weltweit ansteigenden Krankheitsfälle auch die weltweite Konjunktur mehr und mehr davon betroffen sein.

Der Weltaktienindex unterschritt zuletzt 2.000 Punkte, was seit Jahresbeginn einem Minus von über 15 Prozent entspricht. Von den Verlusten betroffen sind die Aktienmärkte im gesamten europäischen Raum sowie in den USA. Weniger ausgeprägt waren die Kursrückgänge in China und den Schwellenländern, denn diese hatten bereits zum Zeitpunkt des Virusausbruchs den Großteil ihrer Verluste erlitten.

Bedingt durch die Nähe zu Italien, wo der Virus inzwischen große Teile der Bevölkerung getroffen und der Wirtschaft lahmgelegt hat, sind auch die hiesigen Aktienmärkte starken Schwankungen unterworfen.

Fazit

  • Für die Kursabgaben sorgten externe Faktoren, die aus der Verunsicherung der Marktteilnehmer resultieren, und nicht makroökonomische Treiber.
  • Seitdem sich das Virus außerhalb des asiatischen Raums rasant ausgebreitet hatte, reagierten die Börsen mit Verunsicherung und Abgaben.

Zinsen: Das derzeitige Zinsniveau übertrifft jegliche Erwartungen

Auch die Zinswerte wurden durch das Coronavirus deutlich beeinflusst. Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe hat inzwischen das eigene Tief vom August 2019 mehr als deutlich unterschritten. Den Renditen in Europa erging es ähnlich, wie an den 10-jährigen deutschen Anleihen abzulesen ist. Die gestiegene Nachfrage nach sicheren Anleihepapieren hat den Kurs des globalen Anleihenindex Global Aggregate zu neuen Höchstwerten geführt.

Zur Stützung der Märkte hat die Fed Anfang März außerplanmäßig interveniert und gleich einen Doppelschritt (0,5 Prozent) unternommen. Marktteilnehmer hatten erst für das nächste Zinstreffen am 18. März mit einem Zinsschritt nach unten gerechnet. Die Marktentwicklungen der letzten Wochen machen klar, dass die lockere Geldpolitik für längere Zeit notwendig sein wird. Die Notenbanken zeigen auch Bereitschaft, expansiv zu bleiben.

Die Risikoprämien bei den Unternehmensanleihen haben sich deutlich verteuert. Während die Subanlageklasse Investment-Grade aufgrund des globalen Zinsrückgangs und der längeren Duration eine positive Preisentwicklung aufweist, rückten die Kurse von Hochzinsanleihen in den negativen Bereich. Analog zur Entwicklung an den Aktienmärkten hat sich das Segment der Wandelanleihen ebenfalls schwach entwickelt.

Fazit

  • Das Coronavirus erhöhte die Nachfrage nach sicheren Staatspapieren, was deren Rendite auf rekordtiefe Stände drückte.
  • Als Stützungsmaßnahme senkte die Fed die Leitzinsen mit einem Doppelschritt.
  • Die Fed ist nicht die einzige Zentralbank, die die Bereitschaft für eine länger anhaltende lockere Geldpolitik zeigt.

Weitere Anlageklassen: Uneinigkeit unter OPEC+ schickt Ölpreis auf Talfahrt

Rohstoffe: Die Preise von Brent und WTI strauchelten bereits seit mehreren Monaten. Nach den geopolitischen Ereignissen im Iran wurde die Ölnachfrage deutlich geschwächt. Doch so günstig wie jetzt waren beide Ölsorten zuletzt Mitte 2017. Grund für den Preiseinbruch in der zweiten Märzwoche war das Treffen der OPEC+-Mitglieder. Zur Stützung des ohnehin tiefen Preisniveaus von Öl wollten sie mittels Förderkürzungen das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage wieder ausgleichen, um so weitere Einbußen zu verhindern. Doch es konnte keine Einigung erzielt werden, denn Russland wollte einer Kürzung nicht zustimmen. Die Reaktion seitens Saudi-Arabiens war dann die Erhöhung der Fördermengen, um die künftige Ölförderung für Russland unattraktiver zu machen. Würde sich Russland im Anschluss zu einer nochmaligen Verhandlung bereit erklären, ist eine deutliche Preiserholung von Öl nicht auszuschließen.