Geldanlagen

"Viele Anleger wollen zu hoch hinaus"

Anlegerinnen und Anleger entscheiden oft falsch, weil sie zu hohe Risiken eingehen. Finanzprofessor Thorsten Hens erklärt, warum man mit realistischen Zielen weiter kommt – auch beim Geldanlegen.

Herr Hens, Sie erforschen seit Jahren das Verhalten von Anlegerinnen und Anlegern. Warum gehen viele von ihnen zu hohe Risiken ein?

Wer ein Depot eröffnet, begibt sich auf eine Wanderung. Viele überschätzen sich von Anfang an und wollen gleich auf die Zugspitze. Das heißt: Sie wollen hoch hinaus und "traden" hin und her – mit dem Ziel, den Markt zu schlagen. Das schaffen aber nur sehr wenige. Viele fallen dagegen tief, weil ihnen die Erfahrung und die richtige Ausrüstung fehlen. Für die meisten wäre der Petersberg bei Bonn besser.

Merkblatt

Tipps für die Wahl eines Vermögensverwalters

Wer zu wenig Zeit, Fachwissen und Erfahrung hat, um sein Vermögen zu bewirtschaften, findet mit dieser Checkliste den passenden Vermögensverwalter.

Warum ist der Petersberg das bessere Ziel?

Weil es realistisch ist und weniger riskant: Wer Geld anlegt, sollte mit einer langfristigen Anlagestrategie eine realistische Marktrendite anpeilen – und seine Strategie mit passiven und günstigen Indexanlagen wie ETFs umsetzen. Am besten lässt man sich dabei von erfahrenen Profis begleiten.

Die Hilfe von Profis kostet aber Geld, und das schmälert die Rendite...

Das sehe ich anders. Wer bereit ist, für eine seriöse Vermögensverwaltung 1 bis 1,5 Prozent zu bezahlen, ist besser geschützt, vor allem vor sich selbst. 

Wie meinen Sie das?

Erfahrene Anlageberater sind wie gute Bergführer: Die lassen Sie nicht in Gletscherspalten fallen. Sie halten Sie also von Panikverkäufen und hektischen Umschichtungen ab, wenn die Kurse einbrechen. Ein Ausstieg im falschen Moment kann die Rendite nämlich langfristig ruinieren. Und weil viele Anleger später den Aufschwung verpassen, können sie ihre Verluste kaum mehr ausgleichen.

Informieren Sie sich jede Woche über die neuesten Entwicklungen an den Finanzmärkten.

Wie viel Rendite entgeht Anlegern, weil sie die Lage falsch einschätzen?

Die Wissenschaft spricht vom sogenannten "Behavioral Gap". Dazu zählen alle Fehlentscheidungen, angefangen von der mangelnden Diversifikation bis zum schlecht gewählten Zeitpunkt von Käufen und Verkäufen. Die Einbußen aufgrund dieses Gaps werden auf 5 bis 7 Prozent pro Jahr beziffert. Darum: Wenn eine gute Beratung diesen Gap verringert, zahlt sich das schnell aus.

Gibt es auch Leute, die aus Gier Fehler machen?

Gier beobachten wir nur bei jeder fünften Testperson. Auch die riesige Auswahl an Produkten und die enorme Nachrichtenflut tragen dazu bei, dass Fehlentscheidungen zunehmen. Viele überprüfen ihre Performance viel zu häufig – oft täglich, weil die Medien ja laufend über das Auf und Ab an den Märkten berichten. Wer über das Smartphone handelt, entscheidet deshalb häufiger falsch. Die Gewinne und Verluste, die man so laufend mitbekommt, verleiten dazu, von der langfristigen Strategie abzurücken.

Zur Person:

Prof. Dr. Thorsten Hens lehrt Wirtschaftswissenschaften am Swiss Finance Institute und am Institut für Banking und Finance an der Universität in Zürich, wo er heute lebt. Hens ist spezialisiert auf Verhaltensökonomie, genauer auf evolutionäre Finanzmarkttheorie und Behavioral Finance. Viele Jahre lebte Hens in Bonn – mit Aussicht auf den Petersberg.