Geldanlagen

Steigende Zinsen und Inflation – nun droht der Wirtschaft ein neues Risiko

Wie entwickelt sich die Zinslandschaft? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland vom 13. Mai 2022. 

Rolf Biland

Chief Investment Officer

Lagebeurteilung: Rezessionsängste belasten die Finanzmärkte

Die Hoffnungen auf eine substanzielle Wirtschaftserholung nach den großen Corona-Pandemiewellen haben sich zu einem erheblichen Teil zerschlagen. Immer mehr Konjunkturprognostiker revidieren ihre Vorhersagen für dieses Jahr nach unten. Nun lauert am Horizont eine neue Gefahr: Die Bank of England warnte davor, dass Großbritannien zu Beginn des nächsten Jahres in eine leichte Rezession abrutschen könnte. Auch in den USA wachsen die Rezessionssorgen.

Die US-Notenbank Fed hat Anfang Mai die Zinsen um einen halben Prozentpunkt auf eine Spanne von 0,75 bis 1 Prozent angehoben. Das war der markanteste Zinsschritt seit 22 Jahren. Auch die Bank of England (BoE) erhöhte den Leitzins zum vierten Mal in Folge – diesmal um 0,25 Prozentpunkte auf 1 Prozent. Beide Notenbanken haben damit auf die zuletzt massiv gestiegenen Teuerungsraten reagiert.

Damit steigt der Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB), dem Beispiel der Fed und der BoE zu folgen und ihre Zinsen ebenfalls zu erhöhen. Die EZB hatte sich bislang im Rahmen der Normalisierung ihrer expansiven Geldpolitik äußerst zurückhaltend gezeigt. Der Markt rechnet damit, dass die EZB im Herbst die Zinsschrauben anziehen könnte.

Wenig Unterstützung bietet auch die einstige Weltwirtschaftslokomotive China, die derzeit selber unter großen Wachstumsschwierigkeiten leidet. Die konsequente Verfolgung einer Null-Covid-Strategie führt dazu, dass immer wieder lokale Lockdowns verhängt werden. Das beeinträchtigt die globalen Lieferketten zusätzlich. Viele dieser Auswirkungen werden sich wegen den langen Transportzeiten von China nach Europa erst in den kommenden Monaten zeigen.

Angesichts dieser Unsicherheiten auf vielen Ebenen haben sich die Aktienmärkte äußerst uneinheitlich gezeigt. Vor allem Wachstumstitel aus dem Technologiebereich haben angesichts des Umfelds mit weiterhin steigenden Zinsen weiter deutlich an Wert eingebüßt. Auch die Preise von weiteren risikobehafteten Anlagen, darunter etwa Kryptowährungen, sind im April deutlich gefallen.

Wenig Schutz bieten in diesem Umfeld auch Anleihen. Diese haben im April, in Erwartung weiterer Zinsschritte, ebenfalls deutlich nachgegeben. Das zeigt sich auch an den 10-jährigen US-Staatsanleihen, die zu den liquidesten Schuldpapieren der Welt zählen. Deren Rendite ist erstmals seit vier Jahren wieder über 3 Prozent gestiegen, entsprechend stark ist der Kurs für die US-Treasuries gefallen.

Die Großwetterlage für Aktien hat sich in diesem unsicheren Umfeld eingetrübt. Als positiv darf jedoch gewertet werden, dass die wichtigen Indizes seit Jahresbeginn trotz der vielen Unsicherheiten nur moderate Verluste verbucht haben. Gleichzeitig sind viele Aktien in Hinblick auf ihre Bewertung wieder auf vernünftige Niveaus zurückgekommen.

Fazit

  • Rezessionsängste machen sich vor allem in Großbritannien und in den USA breit.
  • Der frühere Weltwirtschaftsmotor China sorgt mit seiner Null-Covid-Strategie für eine zusätzliche Störung der globalen Konjunktur.
  • Die Unsicherheiten rund um die Zinswende belasten die Finanzmärkte auf breiter Front.

Aktien: Sorgen um das weitere Wirtschaftswachstum belasten die Aktienmärkte

Die Inflation kletterte auch im letzten Monat auf neue Höchststände. Zusammen mit dem sich abschwächenden Wirtschaftswachstum war die Teuerung das dominierende Thema. So kam auch vermehrt die Sorge auf, dass die Wirtschaft auf eine Rezession zusteuert. Während in den USA ein solches Szenario weniger wahrscheinlich erscheint, ist die Gefahr in Europa größer. Hauptgrund dafür ist vor allem der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland, der auf Europa einen deutlich stärkeren Einfluss hat als auf die USA.

Auch das aktuell in der EU diskutierte Embargo für russisches Öl würde die Wirtschaft in der Eurozone weiter abschwächen, da die Energiebeschaffung kostenintensiver würde. Gemeinsam mit den Lockdowns in China hat der Konflikt in der Ukraine auch einen negativen Einfluss auf die Lieferketten. Nachdem bei den Lieferengpässen eine leichte Entspannung zu beobachten war, wird das Thema nun wieder akuter und dürfte viele Unternehmen vor neuerliche Herausforderungen stellen.

In der ersten Hälfte des Monats April beruhigten sich die Aktienmärkte ein wenig. Einzig japanische Aktien verloren in dieser Phase gegenüber den anderen Regionen an Boden. Auf der anderen Seite profitierte der Schweizer Aktienmarkt von den guten Ergebnissen der beiden Schwergewichte Nestlé und Novartis. Ab Mitte April kamen aber Sorgen um den weiteren Verlauf des Wirtschaftswachstums auf, und die Märkte gaben nach. Einmal mehr konnten Schweizer Aktien dabei ihre defensive Qualität ausspielen und die Verluste dämpfen. Ab Ende April lag der Fokus vor allem auf der bevorstehenden Fed-Sitzung. Mit Spannung wurde die Entscheidung und vor allem auch die Kommentare von Jerome Powell erwartet. Die Aktienmärkte reagierten zuerst mit starken Gewinnen auf die Kommunikation, bevor es einen Tag später zu starken Verlusten kam.

Die Inflation, die Straffung der Geldpolitik und das weitere Wirtschaftswachstum wird die Aktienmärkte auch in den nächsten Monaten beschäftigen. Die Fed hat mit der zweiten Leitzinserhöhung und der Ankündigung des Bilanzabbaus die Straffung ihrer Geldpolitik begonnen. In Europa wird die EZB frühestens im Juli einen ersten Zinsschritt vornehmen. Beide Notenbanken werden dabei einen starken Fokus darauf legen, die Wirtschaft nicht zu stark auszubremsen. Auch dem Arbeitsmarkt wird eine wichtige Rolle zukommen. Hier ist die Lage weiterhin angespannt. Die niedrigen Arbeitslosenquoten zeigen praktisch Vollbeschäftigung an. Gleichzeitig gibt es viele offene Stellen zu besetzen. Bisher war bei den Löhnen ein moderater Anstieg zu beobachten. Schnell ansteigende Löhne könnten den Inflationsdruck nochmals erhöhen.

Neben dem Energiesektor konnten vor allem die defensiv geprägten Sektoren Basiskonsum und Versorger im abgelaufenen Monat zulegen. Auf der anderen Seite stehen Sektoren, die ihren Fokus auf Wachstum legen: zyklischer Konsum, Kommunikationsdienste und Technologie. Dafür war insbesondere auch das schwache Abschneiden der sehr großen Unternehmen mit einem hohen Anteil am Sektor wie bspw. Amazon (zyklischer Konsum) oder Alphabet (Kommunikationsdienste) verantwortlich.

In der Technischen Analyse hat der MSCI World nach dem Test des 200-Tagesdurchschnitts bei 3.100 Punkten seine Erholungsbewegung abgebrochen. Mittlerweile ist der Weltaktienindex knapp unter die März-Tiefststände gerutscht. Sofern der Markt nicht sehr rasch Unterstützung findet, dürfte sich die Korrektur fortsetzen. Die nächsten Unterstützungen liegen im Bereich von 2.600 und 2.400 Punkten. Obwohl sich mit weiter sinkenden Kursen die Berichterstattung der Medien verdüstern dürfte, sind aufgrund des langfristig intakten technischen Bildes nochmals klar niedrigere Kurse als Kaufgelegenheit zu interpretieren. Im schwierigeren aktuellen Marktumfeld dürften Substanzwerte weiterhin besser abschneiden als wachstumsorientierte Unternehmen.

Fazit

  • Die Aktienmärkte reagieren stark auf die straffere Geldpolitik in den USA.
  • Die weitere Entwicklung der Inflation wird zentral sein.
  • Die Lieferketten kommen wieder unter Druck.

Zinsen: Zinserhöhungen im Trend bei den Notenbanken: Sinkt die Inflation bald wieder?

Im April hat sich die Tendenz steigender Zinsen nochmals intensiviert. Die Zinssätze haben sich sowohl über unterschiedliche Laufzeiten als auch über verschiedene Regionen deutlich erhöht. Dabei lässt sich insbesondere bei den Renditen mit langer Laufzeit ein stärkerer Anstieg beobachten.

Der Zinssatz 10-jähriger US-Staatsanleihen kletterte innerhalb kürzester Zeit auf über 3%. Die Zinsen 10-jähriger deutscher Staatsanleihen überstiegen die Marke von 1%. Und auch die Rendite 10-jähriger Eidgenossen erreichte lang nicht mehr gesehene Höhen von 1%.

Die Beweggründe waren die gleichen wie zu Beginn des Jahres: Die anhaltende Inflation und die erwartete Straffung der Geldpolitik führten zu Unsicherheiten an den Märkten. 

Im April kam es in die Hauptregionen zu einem erneuten Anstieg der Inflation. Die Teuerung erreichte in der Eurozone 7,5%. In den USA erhöhten sich die Konsumentenpreise sogar um 8,1%. Haupttreiber für die Teuerung bleib die Kostenerhöhung für Energie- und Nahrungsmittel. Diese Entwicklungen werden nach wie vor vom Krieg in die Ukraine sowie die erneuten Sanktionen gegen Russland getrieben. Dies führt – insbesondere in Europa – zu Lieferengpässen bei der Versorgung mit diversen Rohstoffen.
    
In diesem Umfeld wurde die Rhetorik der Notenbanken erwartungsgemäß noch restriktiver. Die Europäische Zentralbank (EZB) betreibt weiterhin die mit Abstand expansivste Geldpolitik. Diese Haltung dürfte sich aber bald ändern. Auf der April-Sitzung wurde der Ausstieg aus dem Anleihekaufprogramm (APP) konkretisiert. So werden noch im Mai und Juni für 30 bzw. 20 Milliarden Euro Anleihen gekauft. Im dritten Quartal wird das Programm dann offiziell beendet. Es wird erwartet, dass die EZB letztmalig im Juni am Kapitalmarkt mit Wertpapierkäufen tätig sein wird. Dies dürfte allerdings erst auf der Juni-Sitzung bestätigt werden. In der Zwischenzeit haben mehrere EZB-Mitglieder geäußert, dass eine baldige Zinserhöhung im Juli angebracht sei. Die Märkte gehen davon aus, dass dann die erste Zinserhöhung auch tatsächlich vorgenommen wird.
 
Die US-Notenbank Fed zeigte sich bei der Bekämpfung der Inflation noch entschlossener. Dies wurde zur Priorität erhoben und eine zügige Normalisierung der Geldpolitik wird angestrebt. So hat die US-Notenbank den Leitzins Anfang Mai zum zweiten Mal in diesem Jahr erhöht. Der Anstieg betrug rund 50 Basispunkte. Damit liegt die Spanne zwischen 0,75% und 1%. Zudem wurden weitere Zinserhöhungen im ähnlichen Ausmaß signalisiert. Laut dem Fed-Vorsitzenden Jerome Powell stehen größere Zinserhöhungen nicht auf der Agenda. Am Markt werden allerdings noch vier solche Schritte über die kommenden Monate erwartet, sodass der Fed-Leitzinssatz per Jahresende zwischen 2,75% und 3,0% liegen dürfte.

Des Weiteren hat die Notenbank den Beginn der Bilanzreduktion offiziell angekündigt. Bereits ab Juni werden auslaufende Anleihen in Höhe von 47,5 Milliarden US-Dollar nicht mehr reinvestiert. Dieser Betrag wird nach den ersten drei Monaten voraussichtlich auf höchstens 95 Milliarden erhöht. Der Prozess, bekannt als "Quantitative Tightening" oder das Gegenteil vom "Quantitative Easing", trägt dazu bei, die Geldpolitik straffer zu gestalten, indem man die Geldmenge im Umlauf schrittweise reduziert. Somit wird die Geldpolitik in den USA restriktiver ausgerichtet und die Inflation bekämpft.

Der Inflationsanstieg setzte sich auch in der Schweiz fort und erreichte im April einen Wert von 2,5%. Dies liegt leicht über dem Zentralbankziel. Der Teuerungstrend in der Schweiz, sowie die internationalen geldpolitischen Entwicklungen werden Raum für die Schweizerische Nationalbank (SNB) schaffen, eine baldige Zinserhöhung umzusetzen. Um eine unnötige Aufwertung des bereits hoch bewerteten Frankens zu verhindern, dürfte eine Zinserhöhung der SNB aber erst nach der EZB durchgeführt werden.

Fazit

  • Der größte Teil der geplanten geldpolitischen Maßnahmen ist am Markt bereits eingepreist.
  • Trotzdem ist die Unsicherheit sehr hoch, ob die Inflation bald abnimmt und ob die Notenbanken in der Lage sind, sie unter Kontrolle zu bringen.
  • Kurzlaufende Anleihen und Zinswerte hoher Qualität sind im Portfolio weiterhin angebracht.
     

Weitere Anlageklassen: Rohstoffpreise kommen ein wenig zur Ruhe

Rohstoffe

Bei den Ölpreisen kam es in den letzten Wochen zu einer Stabilisierung. Der Preis pro Barrel lag dabei im Bereich von 100 bis 110 US-Dollar. Nur kurzzeitig wurde diese Bandbreite Mitte April überschritten. Weiterhin gab es aber Tage, an denen die Kurse stark schwankten. Anfang Mai stiegen die Preise aufgrund der Möglichkeit eines Öl-Embargos der EU-Staaten gegen Russland nochmals an. Die Zustimmung für ein solches Vorgehen ist zwar breit abgestützt, aber für eine Durchsetzung müssen alle 27 Mitgliedsstaaten dem Embargo zustimmen.
  
Nach einem starken Anstieg Anfang März gab der Goldpreis wieder nach und lag im April im Bereich um rund 1.950 US-Dollar pro Feinunze. Die steigenden Zinsen setzten Gold aber Ende Monat zu, und der Preis fiel unter die Marke von 1.900 US-Dollar. Nach der Fed-Sitzung zog die Notierung kurzfristig an, liegt aber weiter unter 1.900 US-Dollar.

Immobilien

Der Ukraine-Konflikt hat zu einem weiteren Preisschub bei den Energierohstoffen und Nahrungsmitteln geführt und die bereits hohen Inflationsraten weiter nach oben gedrückt. Die US-Notenbank sah sich Anfang Mai veranlasst, ihren Zinserhöhungszyklus mit einem Schritt in Höhe von 50 Basispunkten zu beschleunigen. Zudem stellt sie auch für die kommenden Sitzungen grössere Zinsschritte zur Debatte. Diese Entwicklung ist auch an den Schweizer Zinsen nicht spurlos vorbeigegangen. Die Rendite für 10-jährige Eidgenossen ist zuletzt auf 1% gestiegen und hat die Kurse der Immobilienfonds gedrückt. Dadurch sind die Agios der Fonds mittlerweile auf unter 30% gesunken. Die Renditedifferenz zwischen den Ausschüttungen der Immobilienfonds sowie den 10-jährigen Zinsen ist deutlich geschrumpft, liegt aber mit rund 1,5% weiterhin klar im positiven Bereich. Solange dies der Fall ist, dürfte die Nachfrage nach indirekten Immobilienanlagen solide bleiben.