Geldanlagen

Rezessionsängste belasten die Börsen

Wie entwickelt sich die Zinslandschaft? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland vom 20. Juni 2022. 

Rolf Biland

Chief Investment Officer

Lagebeurteilung: Hohe Inflation und steigende Zinsen schüren Rezessionsängste

Nachdem sich die Börsen zwischenzeitlich etwas beruhigt hatten, ging es zuletzt mit den Aktienkursen nochmals kräftig abwärts. Hauptgrund war die entschlossene Reaktion der wichtigsten Notenbanken auf die hohe Inflation. Die US-Notenbank Fed hat die Zinsen im Juni kräftig erhöht. Die Europäische Zentralbank wiederum stoppt ab sofort ihre Anleihekäufe und hat angekündigt, ihre Nullzinspolitik zu beenden.

Zuvor hatten sich die Märkte etwas beruhigt, nachdem die Zinssorgen etwas nachgelassen hatten. Grund dafür war wiederum die schwächelnde US-Wirtschaft. Bereits im ersten Quartal ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gegenüber dem Vorquartal um annualisiert 1,5 Prozent gefallen (siehe Grafik).

Obwohl für das zweite Quartal ein annualisiertes Wachstum von 3,0 Prozent erwartet wird, haben sich zuletzt die Aussichten eingetrübt. So hat der Einkaufsmanagerindex für das Dienstleistungsgewerbe im Mai weiter nachgegeben. Diese Entwicklung nährte vor wenigen Wochen die Hoffnungen der Marktteilnehmer, dass die Fed dadurch abgehalten wird, die Zinsen in den kommenden Monaten allzu deutlich anzuheben. Inzwischen sind diese Hoffnungen aber weitgehend verflogen.

Dieses Bild kontrastiert mit der Sicht der Unternehmen. Bei der Zahlenpräsentation zum ersten Quartal 2022 haben die im S&P 500 gelisteten US-Unternehmen mehrheitlich die an sie gestellten Gewinnerwartungen, zum Teil auch deutlich, übertreffen können. Allerdings blieben viele bezüglich der kommenden Quartale äußerst vage.

Die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, welche Unternehmen die anhaltenden Probleme rund um die gestörten Lieferketten und die Inflation, die die Margen der Firmen in Bedrängnis bringt, am besten bewältigen können. Kaum bezifferbar sind angesichts immer neuer Sanktionen auch die Folgen, die die Auseinandersetzung in der Ukraine für die Wirtschaft hat.

Diese Kombination von Unsicherheiten bezüglich der globalen Geopolitik und der Zinspolitik der US-Notenbank sowie den Unwägbarkeiten, denen sich die Unternehmen ausgesetzt sehen, wird die Finanzmärkte wohl noch eine ganze Weile beschäftigen. Die damit wohl verbundenen Kursbewegungen werden wohl einige Marktteilnehmer dazu nutzen, um qualitativ weniger überzeugende Positionen abzustoßen und das eigene Portfolio noch sturmfester aufzustellen.

Es gibt aber auch hoffnungsvolle Entwicklungen. So kehrt China nach den Lockdowns wieder allmählich wieder zur Normalität zurück. Zudem deutet der rapide Anstieg bei den zehnjährigen US-Staatsanleihen (Treasuries) an, dass die in den USA erwarteten Zinserhöhungen schon größtenteils eingepreist sind. Solange sich die Erwartungen nicht zum Schlechteren ändern, dürfte vorerst nicht mehr allzu viel Luft nach unten vorhanden sein. 

Fazit

  • Nach einer zwischenzeitlichen Erholung haben wieder aufflammende Zinsängste die Finanzmärkte erneut belastet.
  • Die schwierige geopolitische Lage sorgt für zusätzliche Unsicherheit unter den Marktteilnehmern.
  • Trotz aller Schwierigkeiten hat eine große Mehrheit der größeren US-Unternehmen im ersten Quartal 2022 positiv überrascht.

Aktien: Inflation zwingt Notenbanken zu Reaktionen

Entgegen den Erwartungen einer seitwärts tendierenden Entwicklung hat sich die Teuerung in den USA im Mai von 8,3 auf 8,6 Prozent nochmals beschleunigt. Die Hoffnung, dass die Höchststände bei der Inflation durchschritten sind, hat sich somit jäh zerschlagen.

Ein weiterer Anstieg war auch in der Euro-Zone zu beobachten: Hier kletterte die Inflationsrate im Mai von 7,4 auf 8,1 Prozent. Preistreibend wirken aber weiterhin der Konflikt in der Ukraine und die Lockdowns in China. Zusammen führen sie nach wie vor zu hohen Energiepreisen und einer weiteren Verschärfung der Lieferengpässe. Dass es zu einer Abkühlung des Wirtschaftswachstums kommen wird, ist mittlerweile klar. Ein Fragezeichen besteht dabei aber, ob es bei einer Abschwächung des Wachstums bleibt oder es zu einer Rezession kommt. 

Eine entscheidende Rolle wird dabei den Notenbanken zukommen. Die Bekämpfung der Inflation ist das oberste Ziel. Dennoch sind auch sie gewillt, dass die Wirtschaftsleistung weiter intakt bleiben soll. Vor wenigen Tagen hat die Fed den Leitzins um weitere 0,75 Prozentpunkte erhöht, nachdem sie die Zinsen bereits im Mai mit einem Doppelschritt von 0,5 Prozentpunkten angehoben hatte. Zudem wurde mit dem Abbau der Bilanz begonnen.

Auch bei der EZB kommt ein erster Zinsschritt immer näher. EZB-Chefin Lagarde hat die erste Anhebung für Juli bereits angekündigt. Bei den Privathaushalten sind die hohen Preise auch zu spüren. Dennoch sind sie dank hoher Ersparnisse und einem gut laufenden Arbeitsmarkt weiter bereit zu konsumieren, wenn auch zulasten der Sparquote. Die Frage ist jedoch, wie lange dieser Effekt anhalten wird.

Die Schwankungen an den Aktienmärkten waren auch im vergangenen Monat stark und spiegelten die Verunsicherung der Marktteilnehmer wider. Auf stark positive Handelstage folgten deutlich negative und umgekehrt. Nachdem die Märkte bis Mitte Mai in der Tendenz nachgaben, legten sie Ende Mai eine starke Erholung hin. Im Juni folgten dann wieder kräftige Rückschläge.

Der Energiesektor profitierte von einem neuerlichen Anstieg der Preise und war der mit Abstand beste Sektor. Am anderen Ende waren neben dem Immobiliensektor vor allem die beiden Verbrauchersektoren sehr schwach. Dabei sorgten die Publikationen von einzelnen Unternehmen für einen Abwärtsdruck. So berichtete Walmart, dass die höheren Kosten die Margen belasten. Dies wurde als Zeichen gedeutet, dass eine Weitergabe der höheren Kosten an die Endkunden nicht so gut funktioniert. Das führte bei vielen Aktien aus diesen Sektoren zu deutlichen Kursabschlägen.

Der langfristige positive Trend an den Aktienmärkten ist aber weiterhin intakt, weshalb erneut niedrigere Kurse als Kaufgelegenheit zu sehen sind. 

Fazit

  • Nach einer zwischenzeitlichen Erholung ging es an den Aktienmärkten im Juni wieder kräftig abwärts.
  • Die Teuerung ist weiterhin der dominierende Aspekt. 
  • Eine straffere Geldpolitik ist auch in Europa zu erwarten.

Zinsen: Die EZB hat die Zinswende angekündigt

Die Tendenz zu höheren Zinsen, die seit Jahresbeginn eingesetzt hat, kam im Mai zwischenzeitlich zum Stillstand. Zum ersten Mal seit mehreren Monaten sind die Zinsen in den USA zurückgekommen. Mit der weiter gestiegenen Inflation in Europa und den USA sind im Juni die Zinsen aber nochmals kräftig gestiegen.

In Europa wird die Rhetorik der Europäischen Zentralbank (EZB) immer restriktiver. So wurden am Markt mehrere Zinserhöhungen der EZB bis Jahresende eingepreist. Die kurzlaufenden Zinsen in Europa sind entsprechend stärker gestiegen.

Anzeichen, dass sich die US-Wirtschaft abkühlt, führten dazu, dass der steile Zinserhöhungspfad seitens der US-Notenbank (Fed) kurzzeitig infrage gestellt wurde. Die jüngste Teuerungsentwicklung hat diese Tendenz deutlich überlagert und zu nochmals höheren Leitzinserwartungen für den Rest dieses Jahres geführt.

Sowohl die Fed als auch die EZB sind durch die anhaltend hohe und weiter steigende Inflation gefordert. Während in den USA die Teuerung zuletzt auf 8,6 Prozent gestiegen ist, liegt die Inflationsrate in der Eurozone neu auch über 8 Prozent. Darauf hat die EZB jetzt reagiert: Sie stoppt ab sofort ihre Anleihekäufe und wird die Leitzinsen im Juli zum ersten Mal erhöhen. Ein zweiter Zinsschritt soll im September erfolgen. Angesichts stark fallender Anleihekurse hat die EZB nun angedeutet, dass ein neues Kaufprogramm für südeuropäische Anleihen eingeführt werden könnte. Die entsprechenden Arbeiten zu diesem neuen geldpolitischen Werkzeug sollen bis zur EZB-Sitzung im Juli abgeschlossen werden.

Eine beschleunigte Normalisierung der Geldpolitik wurde auch von der US-Notenbank in die Wege geleitet. Nach der ersten Zinserhöhung von 25 Basispunkten im März wurden die Leitzinsen im Mai um das doppelte – 50 Basispunkte – angehoben und im Juni noch einmal um 75 Basispunkte. Zusätzlich beginnt die Fed im Juni mit der Reduktion der Notenbank-Bilanz. In den ersten drei Monaten wird sie den Anleihe-Bestand um maximal 47,5 Milliarden US-Dollar reduzieren. In den folgenden Monaten wird das Drosselungstempo verdoppelt. Das ist deutlich schneller als beim letzten Straffungszyklus. Somit bezweckt die US-Notenbank eine zügige Straffung der Finanzierungskonditionen in den USA, was zur baldigen Eindämmung der Inflation führen dürfte.

Fazit

  • Die Notenbanken habe eine rasche Normalisierung der Geldpolitik eingeleitet.
  • Die Zinsen sind zuletzt nochmals deutlich gestiegen.
  • Kurzlaufende Anleihen und Zinswerte hoher Qualität sind im Portfolio weiterhin empfehlenswert.

Weitere Anlageklassen: Rohstoffpreise kommen ein wenig zur Ruhe

Rohstoffe

Die Ölpreise waren im Verlauf des vergangenen Monats stabil. Gegen Ende Mai zogen die Notierungen aber erneut an. Neben einem höheren Energiebedarf aus China aufgrund der anstehenden Wiederöffnung war vor allem das EU-Embargo für russisches Öl der Haupttreiber. Auf ein solches Embargo reagierte die OPEC+ mit einer Anhebung der Fördermenge Anfang Juni.

Weiter steigende Zinsen und ein starker US-Dollar belasteten den Goldpreis Anfang Mai weiter. Nachdem der Preis Mitte des Monats nur noch leicht über 1.800 US-Dollar pro Feinunze lag, kam es zu einem Anstieg auf rund 1.850 US-Dollar. Dieses Niveau kann das Edelmetall aktuell trotz der gestiegenen Zinsen weitestgehend halten.

Cat-Bonds

Die Wertentwicklung von Cat Bonds war seit Jahresanfang leicht positiv. Dies war vor allem durch einen stabilen Prämienverlauf und das Ausbleiben von nennenswerten Naturereignissen zurückzuführen. Im März konnte sogar eine leicht positive Performance erwirtschaftet werden.

Nach einem ruhigen Februar bezüglich Neuemissionen war der Primärmarkt im März sehr aktiv. Es wurden sieben verschiedene Cat Bonds auf den Markt gebracht. Das hat auch zu einem regen Sekundärmarkt-Handel geführt. Die Versicherungsprämien der ausstehenden Cat Bonds haben nur marginal zugenommen. Das entspricht dem saisonalen Verlauf der US-Hurrikan-Risiken.

Die stabile Wertentwicklung der Cat Bonds steht im starken Gegensatz zu den Verlusten bei traditionellen Zinswerten seit Beginn des Jahres. Der Diversifikationsvorteil der Anlageklasse wird gerade im aktuellen Marktumfeld ersichtlich. Die relative Attraktivität ist nach wie vor gegeben.