Geldanlagen

Ein Jahr im Zeichen der Zinswende

Wie entwickelt sich die globale Konjunktur? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland vom 17. Januar 2022.

Rolf Biland

Chief Investment Officer

Lagebeurteilung: Alle Augen sind auf die US-Notenbank gerichtet

Die Euphorie an den Märkten, die 2021 über weite Strecken herrschte, ist verflogen. Derzeit dominiert nicht mehr die wirtschaftliche Erholungsbewegung nach dem Corona-Schock das Geschehen, sondern das Bewusstsein, dass bereits in wenigen Wochen die US-Notenbank Fed erstmals seit über drei Jahren den Leitzins anheben könnte.

Für zusätzliche Unsicherheiten an den Finanzmärkten haben Anfang des Monats Protokolle der jüngsten Fed-Sitzung gesorgt. Darin deuteten einzelne Notenbankmitglieder an, dass es nicht ausgeschlossen sei, die Zinsen früher oder in einem schnelleren Tempo als bislang erwartet zu erhöhen. Zusätzlich setzt der US-Arbeitsmarkt die Fed unter Druck, vorzeitig an der Zinsschraube zu drehen. Im Dezember war die Zahl der neu geschaffenen Stellen außerhalb des Agrarbereichs überraschend auf 199.000 zurückgegangen. Das lag deutlich unter der prognostizierten Zahl von 450.000. Gleichzeitig wurde der Beschäftigungsaufbau der vorangegangenen zwei Monate nach oben revidiert, und die Stundenlöhne stiegen gegenüber November um 0,6 Prozent an, was wiederum über den Erwartungen lag.

Für die Notenbank gilt es zu vermeiden, dass ein zu starkes Anziehen der Löhne zu einer Lohn-Preis-Spirale führt. Gleichzeitig bleibt die Inflation beharrlich hoch. Die Teuerungsrate war im November auf 6,8 Prozent geklettert und damit auf den höchsten Stand seit Juni 1982. Selbst wenn man die zuletzt explodierenden Energie- und Nahrungsmittelkosten herausrechnet, liegt die Jahresteuerungsrate bei 4,7 Prozent. Dies ist weit über dem langfristigen Ziel der US-Notenbank von 2 Prozent.

Die Finanzmärkte haben bereits auf diese Entwicklungen reagiert. An den Anleihenmärkten haben die Renditen für zehnjährige US-Staatsanleihen erstmals seit zwei Jahren wieder die Marke von rund 1,8 Prozent erreicht. Im Sommer 2020 war diese zeitweise bis gegen 0,5 Prozent gefallen. Mit dem Renditeanstieg bei den Staatsanleihen kam es in den ersten Handelstagen im Januar zu Kursverlusten an den Aktienmärkten. Die Technologiebörse Nasdaq hat gegenüber dem Rekordhoch von November zeitweise über 10 Prozent eingebüßt.

Im Sog der Turbulenzen in den USA haben auch in Europa viele Vermögenswerte korrigiert. Im Gegensatz zur Fed macht die Europäische Zentralbank (EZB) jedoch noch keine Anstalten, an der Niedrigzinspolitik bereits dieses Jahr etwas ändern zu wollen. Allerdings hat sich die Inflation in Deutschland zum Jahresende hin weiter beschleunigt. So haben sich Waren und Dienstleistungen binnen eines Jahres um 5,3 Prozent verteuert. Kaum besser sehen die Zahlen für den gesamten Euroraum aus. Im November lag die Teuerungsrate bei 4,9 Prozent – und damit mehr als doppelt so hoch wie das mittelfristige Ziel der EZB von 2 Prozent.

Während die US-Notenbank sich darauf einstellt, dass die Teuerung länger als anfänglich erwartet überdurchschnittlich hoch bleiben dürfte, geht die EZB weiterhin von einem temporären Phänomen aus, das vom Preissprung im Bereich Energie sowie den Lieferkettenproblemen angetrieben wird. Sobald sich die Lage wieder normalisiert, wird die Inflation, gemäß EZB, wieder auf niedrigere Raten fallen.

Trotz Unsicherheiten bezüglich der bevorstehenden Zinsschritte bleibt die Geldpolitik weiterhin expansiv. Gleichzeitig wird für 2022 erneut ein globales Wirtschaftswachstum erwartet, das deutlich über dem langjährigen Mittel ausfällt. Bis zum Sommer dürften auch die Inflationsraten allmählich zurückgehen, wenn der Basiseffekt der Energiepreise wegfällt. Dies dürfte an den Börsen trotz erhöhter Schwankungsanfälligkeit für eine weiterhin gute Grundstimmung sorgen.

Fazit

  • Die US-Notenbank bereitet sich in den nächsten Wochen auf die Zinswende vor.
  • Die Volatilität an den Finanzmärkten nimmt weiter zu.
  • Dank einer weiterhin expansiven Geldpolitik und allmählich rückläufiger Teuerung bleibt die Grundstimmung an den Börsen gut.

Aktien: Guter Abschluss eines erfreulichen Jahres an den Aktienmärkten

Nach den Rücksetzern Ende November konnten die Verluste innerhalb weniger Tage wieder größtenteils ausgeglichen werden. Damit zeigte sich die gleiche Dynamik wie bei anderen temporären Verlusten seit Sommer 2020. Jedoch war es nicht der US-Aktienmarkt, der am besten abschnitt, sondern der europäische. Betrachtet man jedoch das gesamte Jahr, sind es US-Aktien, die am deutlichsten zulegen konnten. Damit konnten auch weltweite Aktienindizes bessere Renditen erzielen als ihre europäischen und deutschen Pendants. Ein weniger erfreuliches Jahr war es hingegen für Schwellenländeraktien, wobei hier das schwache Abschneiden vor allem auf chinesische Aktien zurückzuführen ist. Nur leicht besser schnitt die Anlageklasse Aktien Pazifik (inklusive japanischer Aktien) ab.

Weiterhin blieben die dominierenden Themen Corona und erhöhte Inflationsraten. Die Corona-Variante Omikron erweist sich als sehr ansteckend. In vielen Ländern stiegen die Fallzahlen daher rasant an, und über den Jahreswechsel und zu Beginn 2022 wurden neue Rekordwerte erreicht. Mögliche Einschränkungen, wie beispielsweise regionale Lockdowns in Europa, könnten das Wirtschaftswachstum erneut bremsen. Obwohl sich das Wachstum bereits abschwächte, signalisieren die wichtigsten Indikatoren weiterhin eine Expansion.

Die Inflationsrate beträgt in den USA 7,0 Prozent (höchster Stand seit 1982) und in Europa 5,0 Prozent (höchster Wert seit Einführung des Euro im Jahr 1999). Damit dürften die Höchststände erreicht sein und die Teuerung sollte sich wieder abschwächen. Dennoch werden die Zahlen weiter über den Zielwerten verharren und die Notenbanken in Zugzwang bringen. Die US-Notenbank Fed hat bereits angekündigt, das Tapering (Reduktion der Anleihekäufe) schneller als ursprünglich geplant abschließen zu wollen. Zudem wird aus dem kürzlich veröffentlichten Fed-Protokoll ersichtlich, dass eine baldige Leitzinsanhebung zur Diskussion steht, um der hohen Inflation entgegenzuwirken. Diese Neuigkeiten ließen die Aktienmärkte zu Beginn des neuen Jahres unter Druck geraten.

Die Schwergewichte aus dem Sektor Basiskonsumgüter konnten im vergangenen Monat eine sehr gute Rendite erzielen. Damit lag dieser Sektor noch vor den Finanztiteln. Aufgrund der neuerlich gestiegenen Ölpreise konnte der Energiesektor von allen Sektoren am besten abschneiden. Am anderen Ende der Renditeskala waren Titel aus den Sektoren Technologie, Kommunikation und zyklischer Konsums zu finden.

Der MSCI World hat in der technischen Analyse kurz vor Weihnachten das Zwischentief von Anfang Dezember getestet. In den ersten Handelstagen 2022 ist es dem Weltaktienindex gelungen, bei 3.250 Punkten nochmals ein neues Rekordhoch zu markieren. Höhere Kapitalmarktzinsen haben zuletzt den Markt etwas unter Druck gesetzt. Auch die negative Entwicklung der Technologiewerte wirkt sich auf den Index aus. Die technische Ausgangslage hat sich in den letzten Wochen nicht verändert. Solange die Kursmarke um 3.000 Punkte verteidigt werden kann, bleibt die Erholungsbewegung aus dem Corona-Tief von März 2020 intakt und eine Fortsetzung des Aufwärtstrends wahrscheinlich. Bei einem Bruch der Unterstützung ist eine größere Zwischenkorrektur zu erwarten, die den Markt mindestens in den Bereich von 2.600 Punkten zurückführen dürfte. In dieser Situation wird eine neutrale Positionierung angezeigt. So können je nach Marktverlauf die Risiken im Portfolio erhöht oder reduziert werden.

Fazit

  • Zum Jahresende hin konnten die Aktienmärkte nochmals an Wert gewinnen.
  • Insgesamt fällt die Bilanz für das Jahr 2021 größtenteils sehr erfreulich aus. Dies gilt nicht für die Anlageklassen Aktien Schwellenländer und Aktien Pazifik.
  • Die erhöhte Inflation und insbesondere die Reaktion der Notenbanken werden im neuen Jahr eine zentrale Rolle für die Aktienmärkte spielen.

Zinsen: Zinserhöhungen rücken aufgrund des anhaltenden Inflationsdrucks in den Fokus

Nach einem turbulenten November kam es im Dezember zur Beruhigung der Volatilität und der Ängste in Hinblick auf die Corona-Variante Omikron. Die "Santa-Rally" am Anleihenmarkt führte zu höheren Zinsen in allen Regionen und somit zu Kursverlusten für viele Zinswertsegmente. Der Zinsanstieg setzte sich auch im neuen Jahr weiter fort.

Der Hauptgrund für diese Entwicklung ist im bevorstehenden Richtungswechsel der Geldpolitik zu finden. Während die Corona-Fallzahlen neue Höchststände erreichen und die Unsicherheiten in Bezug auf die Virusbekämpfung weitestgehend bestehen bleiben, nimmt die Inflation einen vorderen Platz unter den größten Risiken im Jahr 2022 ein. Die Zentralbanken sind als erste Instanz für die Preisstabilität zuständig. Daher haben mehrere bereits eine weniger expansive Geldpolitik für das kommende Jahr in Aussicht gestellt.

Die Bank of England (BOE) reagierte als erste G7-Notenbank auf die hohe Inflation und kündigte im Dezember die erste Zinserhöhung an. Weitere Zinserhöhungen dürften in den kommenden Monaten folgen.

Mit einem eher aggressiven Ton überraschte auch die US-Notenbank Fed. Bereits einen Monat nach Beginn der Reduktion der Anleihekäufe (QE: Quantitative Easing) kündigte die Fed eine Verdopplung des Drosselungstempos an. Somit dürfte das QE früher als ursprünglich erwartet beendet werden. Die im Dezember veröffentlichten Prognosen für den zukünftigen Leitzinspfad deuten auf drei Zinserhöhungen im Jahr 2022. Das Protokoll der letzten Sitzung zeigte auf, dass eine erste Zinserhöhung im März 2022 bereits diskutiert wurde. Die Fed-Mitglieder waren sich aber nicht einig, ob ein solcher Schritt bereits so früh angebracht sei. Die Entwicklung zeigt allerdings einen deutlichen Unterschied zu Beginn 2021 auf – damals erschienen für das Jahr 2022 keine Zinsschritte realistisch.

Eine frühere und schnellere Verringerung der geldpolitischen Stimulierungsmaßnahmen wurde aufgrund der anhaltend hohen Teuerung in den USA notwendig. Obwohl weiterhin mit einem Rückgang der Inflation im Laufe des neuen Jahres gerechnet wird, dürften die Zahlen im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen zehn Jahren hoch bleiben. Eine langsame Normalisierung der Geldpolitik ist aus makroökonomischer Sicht angebracht, da sich das Wirtschaftswachstum wieder sehr robust zeigt und die Beschäftigung auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt bald das Niveau vor Corona erreichen dürfte.

Die Zinsentwicklung in den USA war ein Spiegelbild der veränderten geldpolitischen Aussichten, wobei die kurzfristigen Zinsen den stärksten Anstieg verzeichneten.

Etwas langsamer dürfte die Normalisierung der Geldpolitik bei der Europäischen Zentralbank (EZB) vorangehen. Im Dezember wurde bekannt gegeben, dass das Pandemie-Notfallankaufprogramm planmäßig Ende März beendet wird. Zur Vermeidung einer möglichen Liquiditätsklemme wird das reguläre Anleihekaufprogramm danach temporär aufgestockt. Ab dem vierten Quartal 2022 dürfte das Anleihekaufvolumen wieder auf das Niveau vor Corona in Höhe von 20 Milliarden EUR pro Monat zurückkehren. Gemäß EZB-Präsidentin Lagarde sei eine Zinserhöhung 2022 noch nicht realistisch. Die hohe Inflation in die Eurozone führt allerdings auch bei den europäischen Notenbankern zu Diskussionen über frühere Zinserhöhungen. Die wirtschaftlichen Prognosen der EZB sehen bereits im Jahr 2023 eine Rückkehr der Teuerungsraten in der Eurozone unter die Zielmarke von 2 Prozent.

Noch weniger besorgt um die Inflationsentwicklung zeigt sich die Schweizerische Nationalbank (SNB). Die Teuerung in der Schweiz betrug 2021 durchschnittlich nur 0,6 Prozent.

Fazit

  • Geldpolitik und Inflation bleiben im Fokus und werden die Zinsentwicklung in den kommenden Monaten bestimmen.
  • Im Hinblick auf die eingeleitete Reduktion der geldpolitischen Stimulierungsmaßnahmen sind leicht höhere Zinsen zu erwarten.
  • Unternehmensanleihen mit kürzerer Duration stellen eine gute Alternative zu hochwertigen Staatsanleihen dar.

Rohstoffe: Ölpreise verdoppeln sich im Jahresverlauf

Gold

Im Dezember stieg der Goldpreis über 1.800 US-Dollar pro Unze. Die Aussicht auf höhere Zinsen ließ den Preis Anfang 2022 aber wieder unter diese Marke fallen und damit auf einen vergleichbaren Stand wie im Vormonat.

Öl

Die Ölpreise verzeichneten nach dem Rückgang Ende November einen Preisanstieg vor allem gegen Ende des alten und zu Beginn des neuen Jahres. Dabei spielten verschiedene Ereignisse eine Rolle, die eine Förderung erschweren und somit das Angebot mindern könnten. In Kanada und dem Norden der USA behindert eine Kaltfront die Förderung und auch die Unruhen in Kasachstan trieben die Ölpreise an. Mit Kursen rund um 80 US-Dollar pro Barrel stehen die Preise rund doppelt so hoch wie vor einem Jahr.