Geldanlagen

Die Märkte stehen vor einem Sommer der Zinserhöhungen

Wie entwickelt sich die Zinslandschaft? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland vom 14. Juli 2022. 

Rolf Biland

Chief Investment Officer
Publiziert am
14. Juli 2022

Lagebeurteilung: Die Märkte stehen vor einem Sommer der Zinserhöhungen

Die Augen der Anleger sind mehr denn je auf die Aktivitäten der Zentralbanken gerichtet. Gemeinhin wird erwartet, dass die großen Notenbanken in den kommenden Wochen die Zinsschrauben weiter anziehen. In den USA setzt die Notenbank (Fed) den eingeschlagenen Zinserhöhungszyklus wohl fort. Auch von der Europäischen Zentralbank (EZB) wird erwartet, dass sie sich noch in diesem Monat, nach über sechs Jahren, von ihrer Null- und Minuszinspolitik verabschiedet. Der von den Märkten erwartete Zinsschritt von 0,25 Prozentpunkten dürfte vorübergehend auch die anhaltende Euro-Schwäche beenden. In den vergangenen zwölf Monaten hat die Gemeinschaftswährung im Vergleich zum US-Dollar fast 20 Prozent an Wert eingebüßt. Im Vergleich zum Schweizer Franken waren es knapp 10 Prozent (siehe Grafik).

Aktuell notieren Euro und US-Dollar auf Parität. Gegenüber dem Franken ist der Euro sogar unter die Parität gefallen.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) dürfte anlässlich ihrer nächsten geldpolitischen Lagebeurteilung im September ebenfalls eine weitere Anpassung der Zinsen nach oben in Erwägung ziehen, nachdem sie im Juni mit dem ersten Zinsschritt seit 15 Jahren überrascht hatte. Auch die Bank of England wird sich im August über die zukünftige Geldpolitik Gedanken machen müssen.

Der Grund für die weitere Straffung der Geldpolitik ist die anhaltend hohe Inflation. In den USA ist die Teuerungsrate im Juni auf 9,1 Prozent und damit auf den höchsten Wert seit 40 Jahren gestiegen. Auch in der Euro-zone sind die Preise innerhalb eines Jahres im Schnitt um 8,6 Prozent gestiegen – so stark wie noch nie seit der Einführung des Euro im Jahr 2002. Dank des starken Franken liegt die Teuerung in der Schweiz deutlich niedriger. Aktuell wird ein Anstieg der Konsumentenpreise von 3,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet, was für Schweizer Verhältnisse ebenfalls überdurchschnittlich hoch ist. Die Ursache für die steigenden Preise bleiben die durch den Ukraine-Krieg verursachten hohen Öl- und Energiepreise. Zudem leidet der globale Handel noch immer unter den nicht reibungslos laufenden Lieferketten.

Für die Zentralbanken werden die kommenden Monate zu einer Grat-wanderung. Ihre Aufgabe wird es sein, mit geldpolitischen Maßnahmen die Inflation in den Griff zu bekommen, ohne dabei die Wirtschaft abzuwürgen. Denn große Organisationen wie die OECD oder der Internationale Währungsfonds (IWF) haben die Prognosen zum Wirtschaftswachstum für das laufende und das nächste Jahr deutlich gekürzt. 

Dem gegenüber stehen die nach wie vor zuversichtlichen Unternehmensgewinnschätzungen der Analysten für das laufende Jahr. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die Halbjahreszahlen der Firmen diesen hohen Erwartungen entsprechen können – oder ob sie bereits die Auswirkungen der sich abkühlenden Konjunktur verspüren. 

Fazit

  • Die Zentralbanken setzen den Zinserhöhungszyklus fort.
  • Die Bekämpfung der hohen Inflation wird im zweiten Halbjahr weitergehen.
  • Halbjahreszahlen der Unternehmen sind entscheidend für den weiteren Börsenverlauf

Aktien: Aktienmärkte reagieren auf Wachstumssorgen

Nachdem im April die Inflation in den USA leicht zurückgegangen war, kam es im Mai und im Juni erneut zu einem kräftigen Anstieg der Konsumentenpreise auf 8,6 und 9,1 Prozent. Die US-Notenbank Fed reagierte auf den Anstieg und hob die Leitzinsen um 75 Basispunkte an. Die Reaktion der Fed wurde am Markt erwartet. Deshalb führte die kräftige Anhebung nicht zu weiterem Druck auf die Aktienmärkte.

In Europa zeigen die vorläufigen Inflationszahlen im Juni, dass die Teuerung auf demselben Stand wie in den USA liegt. Im Gegensatz zur Fed hat die Europäische Zentralbank (EZB) aber bislang noch keine Zinsschritte vorgenommen. Sie wird den Zinserhöhungszyklus aber voraussichtlich noch diesen Monat starten. Bislang wird mit einem Schritt in Höhe von rund 0,25 Prozent gerechnet. Die weiter steigende Inflation könnte jedoch die EZB durchaus zu einer stärkeren Anhebung zwingen. Unerwartet kam die Schweizerische Nationalbank (SNB) der EZB zuvor und hat im Juni bereits eine Zinserhöhung in Höhe von 0,5 Prozent vollzogen.

Während die Aktienmärkte auf die geldpolitische Straffung der Fed keine unmittelbare Reaktion zeigten, sorgte die Anhebung der Zinsen in der Schweiz für kurze, aber starke Marktbewegungen. Da die SNB überraschenderweise nicht die erste Zinserhöhung der EZB abwartete, wertete der Franken auf und der Schweizer Aktienmarkt korrigierte um rund 3 Prozent. Stärker betroffen waren die Aktienmärkte von der Sorge über eine mögliche Rezession. Eine abschwächende Wirkung auf die Wirtschaft ist das Ziel der Notenbanken, um die Inflation zu senken. Jedoch ist die Befürchtung bei den Marktteilnehmern groß, dass die Wirtschaft zu stark ausgebremst wird und eine Rezession zur Folge hat.

Anfang Juni belasteten Konjunktursorgen die Aktienmärkte erheblich. Mit Ausnahme von Schwellenländeraktien, die insbesondere von einer guten Entwicklung des chinesischen Aktienmarkts profitierten, korrigierten alle Regionen und Länder um rund 10 Prozent. Trotz einer anschließenden leichten Erholung steht der Weltaktienmarkt seit Anfang des vergangenen Monats rund 7 Prozent niedriger. Leicht besser war die Entwicklung in den USA und der Schweiz. Die anderen Regionen und Länder im Weltaktienmarkt waren etwa gleichauf oder nur leicht schwächer. So verloren europäische Aktien rund 4 Prozent mehr als der globale Aktienmarkt. In Europa ist die Gefahr einer Rezession höher als andernorts, und die Sorge um eine Energiekrise wird immer größer. Russland hat die Gaslieferungen nach Europa bereits um 60 Prozent zurückgefahren und nutzt dies weiter als Druckmittel. Obwohl bereits Vorkehrungen von der EU getroffen wurden, würde ein Lieferstopp die Energieversorgung stark beeinträchtigen.

Seit Anfang des Jahres weist der Energiesektor die mit Abstand beste Entwicklung auf. Rezessionsängste sorgten aber für eine deutliche Korrektur seit Anfang Juni. Auch die weiteren Rohstoffpreise gaben stark nach, weshalb auch der Sektor Grundstoffe an Wert verlor. Gefragt waren jedoch defensive Qualitätstitel. So konnten Unternehmen aus den Sektoren Gesundheit oder Basiskonsum den Stand von Anfang Juni halten.

In der Technischen Analyse hat der MSCI World nach einer kurzzeitigen Erholung auf 2.800 Punkte die Aufwärtsbewegung wieder abgebrochen. Nach erneuten Verlusten wurden sogar die Tiefststände vom Mai unterschritten und der MSCI World verlor weiter in Richtung der nächsten Unterstützung, die bei 2.400 Punkten liegt. Dieser Wert wurde aber bisher nicht erreicht und nach einer neuerlichen Gegenbewegung steht der MSCI World nur noch leicht unter den Tiefständen vom Mai.

Fazit

  • Rezessionsängste setzen den Aktienmärkten zu.
  • Notenbanken bekämpfen die Inflation weiter.
  • Nachfrage nach defensiven Qualitätstiteln steigt.

Zinsen: Die Negativzinspolitik in Europa und in die Schweiz wird bald Geschichte sein

Im vergangenen Monat kam es zu einer außerordentlich hohen Volatilität bei den globalen Zinsen. Über den Monat betrachtet veränderten sich die langfristigen Zinsen in den USA kaum. In der Eurozone waren sie leicht und in der Schweiz sogar deutlich rückläufig. Diese auf dem ersten Blick anlegerfreundliche Entwicklung verschleiert allerdings die starken Schwankungen innerhalb des Monats. Anfang Juni bewegten sich die Zinsen in allen Regionen steil nach oben und erreichten langjährige Höchststände. Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihen erreichte kurzfristig die Marke von 3,5 Prozent, und die Rendite 10-jähriger deutscher Bundesanleihen stieg temporär auf fast 1,8 Prozent. Ähnliche Werte erreichten die Zinsen in den USA zuletzt 2018. In Europa muss man sogar bis zum Jahr 2014 zurückblicken. Grund für die Entwicklung war einmal mehr die hohe Inflation und die Geldpolitik der wichtigsten Notenbanken.

Die zweite Monatshälfte wurde von Rezessionsängsten dominiert, und die Zinsen gingen rasch wieder nach unten. Eine ähnliche Entwicklung verzeichnete die Rendite der Schweizer Eidgenossen. Die Rendite 10-jähriger Schweizer Staatsanleihen war kurz davor, die 1,5-Prozent-Marke zu überschreiten, bevor sie in den letzten Tagen wieder stark nachgab. Aktuell verharrt sie deutlich unter 1 Prozent.

Während die Geldpolitik nach wie vor der entscheidende Treiber für die kurzfristigen Zinssätze bleibt, werden die Kapitalmarktzinsen stark von der Konjunkturerwartung beeinflusst. Diese hatte sich zuletzt erneut eingetrübt und drängte die Inflationserwartungen in den Hintergrund.

Dennoch kam es im Juni zu einigen wichtigen und teilweise unerwarteten Zentralbankentscheidungen. So gab die EZB die Einstellung des Anleihekaufprogramms (APP) per Ende Juni bekannt. Zudem wurde eine erste Zinserhöhung in der bevorstehenden Sitzung im Juli in Aussicht gestellt. EZB-Chefin Christine Lagarde überraschte auch mit der Aussage, dass eine weitere Zinserhöhung in Höhe von 50 Basispunkten im September möglich wäre. Die Risikoprämien der europäischen Peripherieländer reagierten auf die Ankündigung mit einem Anstieg. Anschließend fokussierte sich die EZB auf die Ausarbeitung eines Anti-Fragmentierungsinstruments für die Eurozone. Mit dem neuen Programm soll der Aufwärtsdruck bei den Finanzierungskosten in den Peripherieländern kontrolliert werden. Konkrete Details dazu werden im Juli erwartet.

Die US-Notenbank Fed war im Juni noch mutiger, indem sie den Leitzins abermals anhob (um 75 Basispunkte). Neu liegt der Notenbanksatz zwischen 1,25 und 1,50 Prozent. Im Juli dürfte ein weiterer Schritt von mindestens 50 Basispunkten folgen. Die Fed hat einen aggressiven Zinserhöhungspfad aufgezeichnet und erwartet, dass die Leitzinsen in den USA Ende des Jahres bereits zwischen 3,25 Prozent bis 3,5 Prozent liegen dürften. Der Höchststand dürfte Anfang nächsten Jahres erreicht sein. Mit den erhöhten Rezessionssorgen sind die US-Zinserwartungen allerdings gesunken. An den Märkten wird damit gerechnet, dass die US-Notenbank bereits 2023 wieder die Zinsen senken könnte.

Die größte Überraschung kam von der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Sie gab im vergangenen Monat die erste Zinserhöhung von 50 Basispunkten bekannt. Die meisten Analysten hatten mit dem Zinsschritt erst nach der EZB gerechnet. Die Maßnahme wurde auch von der Höhe her unterschätzt. Mit dieser Aktion bewies die SNB ihre Unabhängigkeit und agierte somit bestimmter als ihre internationalen Pendants, indem sie frühzeitig den Inflationsanstieg in der Schweiz bekämpft. Die Negativzins-politik in der Schweiz wird voraus-sichtlich bereits im September Ge-schichte sein. Die Leitzinsen in der Schweiz dürfen allerdings nicht so stark wie in andere Regionen angehoben werden, da der Inflationsdruck vergleichsweise gering bleiben dürfte und die SNB die Teuerung mit einer kontrollierten Aufwertung des Frankens dämpfen möchte.

Fazit

  • Die erwartete Straffung der Geldpolitik ist am Markt bereits eingepreist, sodass der Aufwärtsdruck bei den Zinsen abnehmen dürfte. 
  • Konjunktursorgen werden ebenfalls dazu beitragen.
  • Wir empfehlen bei Anleihen, auf hohe Bonitäten im Portfolio zu setzen und mittlere Laufzeiten zu wählen.

Weitere Anlageklassen: Konjunktursorgen führen zu rückläufigen Rohstoffpreisen

Rohstoffe

Wie an den Aktienmärkten führten Rezessionsängste auch bei den Energiepreisen zu einer stark rückläufigen Entwicklung. War ein Fass Öl Anfang Juni noch für 120 US-Dollar erhältlich, gingen die Preise auf aktuell etwas über 100 US-Dollar zurück.

Trotz der tendenziell rückläufigen Zinsen konnte der Goldpreis nicht zulegen. Hauptgrund hierfür war der starke US-Dollar. Anfang Juni lag der Preis noch bei 1.850 Dollar pro Feinunze, ging aber in der zweiten Junihälfte stetig zurück. Nach einem kräftiger Rücksetzer Anfang Juli liegt der Preis aktuell bei rund 1.730 Dollar und damit auf dem tiefsten Stand seit Anfang des Jahres.

Immobilien

Die Notenbanken in den USA, der Schweiz und Europa haben im Juni mit einer restriktiveren Haltung überrascht. Gegen Mitte Juni erreichten die Zinsen weltweit rekordhohe Werte. Die 10-jährigen Eidgenossen kletterten auf rund 1,4 Prozent, was die Immobilienfondskurse erneut unter Druck setzte. Der Markt für Renditeimmobilien bleibt trotz der gestiegenen Zinsen bislang vergleichsweise stabil.

Nach dem jüngsten Zinsrückgang liegt die Renditedifferenz zwischen den Ausschüttungen der Immobilienfonds und den 10-jährigen Zinsen mit rund 1,7 Prozent wieder etwas höher. Solange die Differenz positiv ist, bleiben die indirekten Immobilienanlagen eine interessante Alternative zu Anleihen.