Geldanlagen

"Das schlechte Umfeld bietet auch Chancen"

Die Inflation in Deutschland hat den höchsten Stand seit fast 50 Jahren erreicht. Jetzt steigen auch die Zinsen. Die Folge: Rezessionsängste und Kursturbulenzen an den Aktien- und Anleihemärkten. Was bedeutet das für Anleger, und was sollten sie tun? Darüber spricht Michael Ausfelder, Marktstratege beim VZ VermögensZentrum.

Michael Ausfelder

Analyst

Herr Ausfelder, die Europäische Zentralbank (EZB) hat nach vielen Jahren ultra-lockerer Geldpolitik nun angekündigt, die Zügel wieder zu straffen. Ihre Anleihekäufe beendet sie ab sofort. Zudem will sie den Leitzins, der seit März 2016 bei null steht, in mehreren Schritten anheben. Warum diese Vollbremsung nach der jahrelangen Geldschwemme?

Angesichts von 8,1 Prozent Inflation im Mai in der Euro-Zone hatte die EZB jetzt gar keine andere Wahl als gegenzusteuern. Denn die vorrangige Aufgabe der EZB ist es, für Preisstabilität zu sorgen. Stabil sind die Preise aus Sicht der EZB bei einer jährlichen Teuerung von rund 2 Prozent. Lange hat EZB-Chefin Christine Lagarde eine Wende bei der Geldpolitik mit der Begründung abgelehnt, die starke Teuerung sei nur temporär. Doch damit hat sie die Entwicklung unterschätzt. Und das hat sie mittlerweile auch eingeräumt.

Warum reagieren die Finanzmärkte so negativ darauf?

Grundsätzlich mögen die Märkte Zinserhöhungen nicht, weil sie Kredite verteuern und die Wirtschaft damit abwürgen können. Deshalb hat die Ankündigung der EZB die wegen des Ukraine-Krieges ohnehin schon angeschlagenen Aktienmärkte noch einmal zusätzlich belastet. Doch auch der Anleihemarkt hat darunter gelitten, denn steigende Zinsen sorgen für Kursverluste bei bestehenden Anleihen, da sie unattraktiver werden.  

Merkblatt

Niedrige Zinsen: Das Vermögen vor steigender Inflation schützen

Niedrigzinsen machen es Sparern und Anlegern schwer Vermögen aufzubauen.

Wem machen die Zinserhöhungen besonders zu schaffen? 

Stark verschuldete Unternehmen leiden natürlich in einem besonderen Maße darunter. Das betrifft nicht nur Firmen, die Probleme haben, sondern vor allem auch wachstumsstarke Unternehmen, oft aus der Tech-Branche, die noch keine Gewinne erzielen oder bei denen signifikante Gewinne erst in einigen Jahren in der Zukunft zu erwarten sind. 

Sind die steigenden Zinsen auch für die Immobilienmärkte ein Problem?

Auch für die Immobilienmärkte könnten die steigenden Zinsen erhebliche negative Auswirkungen haben. Die Zinsen für Immobilienkredite haben sich im Vergleich zu 2021 schon fast verdreifacht. Das erschwert Käufern die Finanzierung beim Neukauf, aber auch Anschlussfinanzierungen für bestehende Darlehen. Die heiß gelaufenen Immobilienpreise könnten dadurch mittelfristig unter Druck geraten.

Aktien und Anleihen leiden, Immobilien droht das gleiche Schicksal. Keine guten Aussichten für Anleger, oder? Wie lautet Ihr Rat? Bleibt da nur die Flucht ins Gold?

Das sehe ich nicht so. Man muss auch das Positive an der aktuellen Entwicklung sehen. So werfen Anleihen nach der langen Phase mit Null- oder Negativzinsen jetzt wieder positive Zinsen ab. Mit sicheren Anleihen sind jetzt wieder bis zu drei Prozent Zinsen drin. Deshalb gehören Anleihen auch unbedingt wieder in ein ausgewogenes Portfolio. Weitere Zinserhöhungsschritte der Notenbanken sind in den aktuellen Anleihekursen auch schon weitgehend eingepreist. Das bedeutet: Anleihen bieten heute wieder ein attraktives Chancen-Risikoverhältnis. Aktien wiederum sind ein langfristiges Investment. Rückschläge – auch heftige wie derzeit – gehören dazu und muss man aussitzen. Bei Immobilien wäre ich allerdings aus den oben genannten Gründen vorsichtig.

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Von Gold raten Sie also ab?

Wem das ein Gefühl der Sicherheit verleiht, der kann einen kleinen Teil seines Vermögens in Gold investieren. Der Goldanteil sollte aber nicht überhandnehmen. Denn Gold hat einen großen Nachteil: Es liefert seinem Besitzer weder Zinsen noch Dividenden. Solange die Zinsen bei null liegen, ist das kein großes Problem. Wenn jetzt die Zinsen aber wieder steigen, dann werden Anleihen im Vergleich zu Gold wieder attraktiver. In der Vergangenheit ist der Goldpreis deshalb in Phasen mit steigenden Zinsen oftmals stark zurückgegangen.

Viele Anleger können mit Gold aber ruhiger schlafen.

Das ist zwar emotional verständlich. Die Fakten sprechen aber eine andere Sprache: Auf lange Sicht konnten Anleger mit einem breit diversifizierten Portfolio aus Aktien und Anleihen in der Vergangenheit wesentlich höhere Renditen erzielen als mit Gold. Auch was die Sicherheit angeht, bietet Gold keine Vorteile. Die Schwankungen nach unten sind beim Goldpreis insgesamt sogar noch ausgeprägter als am Aktienmarkt.

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Was sollten Anleger jetzt also tun?

Unbedingt kühlen Kopf bewahren. Die jüngsten Kursverluste insbesondere bei Aktien sind für Anleger schmerzhaft, keine Frage. Ukraine-Krieg, hohe Inflation, steigende Zinsen – das Umfeld ist im Moment nicht gerade optimal. Andererseits eröffnet diese Situation auch Chancen für positive Überraschungen. Und dann können die Märkte wieder ganz schnell nach oben drehen. 

Wie könnten solche positiven Überraschungen aussehen?

Am besten wäre es natürlich, wenn es zu einem schnellen Ende des Krieges in der Ukraine käme. Das ist im Moment leider noch nicht abzusehen. Andererseits ist es durchaus realistisch davon auszugehen, dass die wichtigsten Notenbanken, also die EZB und die Fed in den USA, bei zu stark kollabierenden Konjunkturdaten den Zinserhöhungspfad beenden würden. Zudem könnte die Inflation vielleicht doch wieder schneller zurückgehen als befürchtet.

Und wenn es weiter nur schlechte Nachrichten gibt?

Auch dann würde ich Anlegern empfehlen, mit dem Teil ihres Vermögens, das ihnen für die langfristige Geldanlage zur Verfügung steht, investiert zu bleiben. Auf lange Sicht hat es sich in der Vergangenheit stets bewährt, schwierige Phasen durchzustehen. Denn wer aussteigt, verpasst später meist den richtigen Zeitpunkt zum Wiedereinstieg. Gegebenenfalls kann es jetzt sogar sinnvoll sein, die sehr schwachen Börsentage zu nutzen, um Investments zu günstigen Kursen aufzustocken. Am wichtigsten ist es in Krisenzeiten jedoch, das Depot vernünftig und breit aufzustellen und auf die individuellen Bedürfnisse auszurichten. Ein kostenloser und unverbindlicher Depot-Check beim VZ VermögensZentrum kann da sehr aufschlussreich sein!