Geldanlagen

Börsenkorrektur war nur von kurzer Dauer

Wie entwickelt sich die globale Konjunktur? Was sind die Treiber an den Aktien- und Anleihemärkten? Wie sieht es bei anderen Anlageklassen aus? Eine Einschätzung von VZ-Anlagechef Rolf Biland vom 10. Dezember 2021.

Rolf Biland

Chief Investment Officer

Lagebeurteilung: Die Nervosität kehrt an die Finanzmärkte zurück

Die Unwägbarkeiten an der geldpolitischen Front sowie das Auftreten der neuen Corona-Variante Omikron hat die Finanzmärkte schwankungsanfälliger gemacht. So wurde im November die Aufwärtstendenz der Aktienmärkte vorübergehend gebrochen. Die meisten Aktienindizes haben zeitweise an Terrain eingebüßt. Die wachsende Nervosität unter den Anlegern zeigt sich etwa am Volatilitätsindex VIX, auch bekannt als Angstbarometer. Dieser drückt die erwartete Schwankungsbreite des US-Leitindexes S&P 500 für die nächsten 30 Handelstage aus. Je höher der VIX steigt, desto mehr rechnen die Finanzmarktteilnehmer mit einem unruhigen Markt und potenziell großen Kursschwankungen. In den vergangenen Tagen war der VIX auf den höchsten Stand seit Januar angestiegen (siehe Grafik).

Gleich an mehreren Fronten mehren sich in der Wirtschaft und den Finanzmärkten die Spannungen. Seit einiger Zeit behindern zahlreiche Lücken in der Lieferkette den reibungslosen Ablauf des globalen Handels. Dieser wird durch die deutlich gestiegenen Energiepreise zusätzlich verteuert. Als Folge davon sind die Teuerungsraten sowohl in Europa als auch in den USA in den vergangenen Monaten teils auf den höchsten Stand seit 30 Jahren angestiegen. In den USA haben sich zuletzt die Preise um mehr als sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr erhöht, auch in der Eurozone lag die Inflationsrate mit 4,9 Prozent weit über dem langjährigen Durchschnitt. 

Gleichzeitig brummt in den USA der Arbeitsmarkt. Die Zahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze hat viele Monate lang die Erwartungen übertroffen. Erst im November hat sich diese Dynamik wieder etwas abgeschwächt. Dennoch ist die Arbeitslosenquote weiter auf 4,2 Prozent gefallen. Diese Entwicklungen spielen derzeit eine besonders große Rolle, da der Arbeitsmarkt für die Geldpolitik der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed) von hoher Bedeutung ist. Im November hatte die Fed als erste der großen Zentralbanken begonnen, ihre extrem lockere Geldpolitik etwas zurückzufahren. Fed-Chef Jerome Powell hatte bekannt gegeben, die Wertpapierkäufe von zuvor 120 Milliarden Dollar pro Monat um je 15 Milliarden Dollar zu reduzieren. Zuletzt deutete Powell an, dass diese Reduktion wegen der weiterhin hohen Inflation beschleunigt werden könnte. Sowohl die Fed als auch die Europäische Zentralbank (EZB) betrachten den Inflationsschub weiterhin als temporär. Beide gehen davon aus, dass er sich im Laufe des nächsten Jahres wieder zurückbilden sollte. Die EZB hatte bekannt geben, das Notfallprogramm PEPP planmäßig im März 2022 zu beenden.

Omikron dürfte auch dazu führen, dass in der Realwirtschaft die Turbulenzen anhalten. Jüngst haben die erneut in die Höhe schießenden Corona-Fallzahlen in Europa zu drastischen Maßnahmen geführt, welche die Ausbreitung des Virus verhindern sollen. Es ist davon auszugehen, dass die kühlen Wintermonate dem epidemiologischen Verlauf nicht zu einer positiven Wende verhelfen. Die restriktivere Gangart wird sich in den kommenden Monaten in den Wirtschaftszahlen niederschlagen.

Angesichts des erwarteten leichten Rückgangs des Wirtschaftswachstums haben sich jüngst auch die Rohstoffnotierungen deutlich von ihren Jahreshöchstkursen entfernt. So fielen die Preise für ein Barrel Rohöl um gut 20 Prozent knapp unter die 70-Dollar-Marke. Allerdings erwarten viele Marktbeobachter, dass dieser Rücksetzer nur eine kurze Zeit anhält. Im Laufe des nächsten Jahres könnten die Rohölpreise wieder deutlich anziehen. Doch selbst in diesem pessimistischeren Szenario dürfte auch in den nächsten zwölf Monaten die Wirtschaft deutlich schneller wachsen als im langfristigen Mittel. Ökonomen erwarten für das Jahr 2022 noch immer ein deutliches Wirtschaftswachstum von über 4 Prozent.

Fazit

  • Die Anspannung an den Aktienmärkten nimmt zu.
  • Aufgrund der erhöhten Inflation beschleunigen Notenbanken die Drosselung ihrer Anleihekaufprogramme.
  • Das Wachstum der Weltwirtschaft wird sich voraussichtlich verlangsamen, aber noch immer deutlich über dem langjährigen Mittel liegen.

Aktien: Corona-Variante Omikron führt Ende November zu Rückschlägen

Mit Ausnahme der letzten Handelstage hat sich die bisherige Entwicklung in diesem Jahr an den Aktienmärkten fortgesetzt. US-Aktien übertrafen die anderen Regionen abermals. So konnte auch der Weltaktienmarkt nochmals zulegen. Die neue Corona-Variante Omikron führte aber Ende November zu einer deutlich gestiegenen Nervosität und die Aktienmärkte erlebten einen Rücksetzer. Zwischen 25. November und 3. Dezember verlor der MSCI World mehr als fünf Prozent. Auch der stark exportabhängige deutsche Aktienmarkt konnte sich dieser Entwicklung nicht entziehen: Im selben Zeitraum gab der Deutsche Aktienindex DAX ebenfalls um rund fünf Prozent nach. Der MDAX für die mittelgroßen Werte verzeichnete mit minus vier Prozent etwas geringere Einbußen. Weiterhin deutlich hinter den anderen Regionen liegen Aktien aus den Schwellenländern, die auch im letzten Monat schwächer abschnitten.

Neben dem erwähnten Aufkommen der neuen Corona-Variante Omikron, bei der die Auswirkungen noch nicht abschätzbar sind, waren weiterhin die Themen Notenbanken und Inflation allgegenwärtig. Die vor einem Monat angekündigte Drosselung der Anleihenkäufe in den USA und Europa hatten keinen unmittelbaren Effekt auf die Aktienmärkte. Unklar dabei ist aber, ob die Fed und die EZB an ihrem Plan für die monatlichen Volumen der Drosselung festhalten werden. Der Hauptgrund für diese Zweifel sind die anhaltend hohen Inflationszahlen. In Europa wurde beispielsweise der höchste Wert seit Einführung des Euro erreicht.

Auch die Kommunikation der Notenbanken ändert sich hinsichtlich der Inflation zunehmend. Wurde bis vor kurzem noch jeweils von einem vorübergehenden Phänomen berichtet, hat der Fed-Vorsitzende Jerome Powell Ende November davon gesprochen, dass es voraussichtlich länger als bislang erwartet bei einer höheren Inflationsrate bleiben wird. Im Unterschied zur Ankündigung des Taperings hatte diese Äußerung Auswirkungen auf die Märkte, und die Aktienkurse gaben nach dieser Aussage nach. 

Getragen von der guten Performance von Apple konnte der Technologie-Sektor besser abschneiden als die anderen Sektoren. Nachdem der Energie-Sektor in den letzten Monaten von den steigenden Energiepreisen profitieren konnte, kam es aufgrund der nun stark sinkenden Ölpreise ebenfalls zu Verlusten. Etwa gleich schwach war die Entwicklung bei Finanztiteln und Unternehmen aus dem Sektor Telekom.

Nachdem der MSCI World Anfang November noch Allzeithöchstkurse erreicht hat, kam er die letzten drei Wochen etwas unter Druck und notiert aktuell einige Prozentpunkte tiefer. Während sich die zyklischen Sektoren relativ stark präsentieren, tun sich klein- und mittelkapitalisierte Unternehmen weiterhin schwer, mit dem Index Schritt zu halten. Im Rahmen der aktuell laufenden Konsolidierung kommt der Kursmarke von 3.000 Punkten in der technischen Analyse eine wichtige Bedeutung zu. Solange diese Unterstützung hält, bleibt das positive technische Bild intakt und eine Fortsetzung des Aufwärtstrends ist wahrscheinlich. Sollte es jedoch in den nächsten Wochen zu einem Durchbruch kommen, müsste mit einer länger anhaltenden Zwischenkorrektur gerechnet werden. Eine solche Bewegung könnte den MSCI World in den Bereich von 2.600/2.700 Punkten drücken. Mit dieser Ausgangslage ist es zentral, wie der Markt mit der neuesten Corona-Variante und der Aussicht auf eine Drosselung der Geldpolitik zurechtkommt.

Fazit

  • Aktienindizes gaben Ende November aufgrund der neuen Corona-Variante Omikron stark nach.
  • Insgesamt ist die Entwicklung der Aktienmärkte seit Jahresanfang aber weiterhin sehr erfreulich – mit Ausnahme der Aktien aus den Schwellenländern.
  • Die mögliche Drosselung fiskal- und geldpolitischer Maßnahmen hatte keine Auswirkungen auf die Wertentwicklung des Aktienmarktes.

Zinsen: Ängste um die Verbreitung von Omikron treiben Suche nach sicheren Häfen

Die Volatilität am Finanzmarkt hat im vergangenen Monat deutlich zugenommen. Die Entdeckung der neuen Corona-Variante Omikron hat innerhalb kürzester Zeit die Anlegerstimmung ins Negative gekippt und zur starken Nachfrage von "sicheren Häfen" geführt. Dadurch kam es zu deutlichen Rückgängen bei den Kapitalmarktzinsen in allen Regionen. Selbst die "hawkishe" Rhetorik einiger Notenbank-Chefs und die Fortsetzung des Inflationsdrucks konnten diese Entwicklung nicht verhindern. 

Noch Anfang November kündigte die US-Notenbank offiziell die Reduktion der monatlichen Anleihekäufe an ("QE-Tapering"). Die Umsetzung dieses Schrittes folgte unmittelbar danach. Die Marktteilnehmer waren im Verlauf des Jahres bis zu diesem Zeitpunkt kontinuierlich auf einen solchen Schritt vorbereitet worden, sodass eine nennenswerte Zinsreaktion ausfiel.

Das Inflationsthema blieb weiterhin stark im Fokus. Die Teuerungsraten in den USA und in der Eurozone setzten im vergangenen Monat ihren Anstieg fort und sorgten für Unruhe. In den USA erreichte der Verbraucherpreisindex im Oktober einen neuen Höchststand von 6,2 Prozent. Der Energiepreis-Schock hatte einen weiteren Sprung bei der Teuerung in den Euro-Ländern zur Folge. So lagen die EU-Verbraucherpreise im November bei einem neuen Rekordstand von 4,9 Prozent.

Unter der Mehrheit der Ökonomen herrscht weiterhin ein breiter Konsens, dass die Inflation in den folgenden Jahren substanziell abnehmen wird und somit nur ein vorübergehendes Phänomen ist. Die Aussagen mehrerer Notenbank-Chefs lassen jedoch darauf schließen, dass es hier allmählich ein Umdenken gibt und die Inflation doch hartnäckiger werden könnte als erwartet.

Das Zugeständnis von US-Notenbank-Chef Powell vor dem US-Senat Anfang Dezember, dass man die Teuerung nicht mehr als "vorübergehend" bezeichnen, sondern die Ursachen dafür besser verstehen sollte, war ein wichtiges Signal in diese Richtung. Als Reaktion darauf wird nun spekuliert, dass die Fed das Drosselungstempo bei den Anleihekäufen bereits im Dezember erhöhen könnte. Entsprechend könnte die Expansion der Fed-Bilanz bereits vor Mitte 2022 beendet werden, was den Weg zu einer früheren Zinserhöhung öffnen würde. Diese Spekulationen ließen die kurzfristigen Zinssätze in den USA weiter ansteigen. Mittlerweile werden vom Markt bis Januar 2023 fast drei komplette Zinserhöhungsschritte in den USA erwartet. Angesichts der drohenden Konjunkturverlangsamung und im Hinblick auf die weiterhin bestehende Lücke zur Vollbeschäftigung am amerikanischen Arbeitsmarkt scheint dies allerdings etwas verfrüht zu sein.

Ein wichtiges Ereignis im vergangenen Monat war die Nominierung von Fed-Chef Powell zu einer zweiten Amtszeit durch US-Präsident Joe Biden. Die Hauptkonkurrentin um die Position – Fed-Direktorin Lael Brainard – wurde zur Vize-Chefin ernannt. Auch wenn die Besetzung einiger anderer Fed-Posten noch offen bleibt, rechnen Beobachter damit, dass das Gremium die lockere Geldpolitik in den kommenden Jahren fortsetzen dürfte.

In Europa ist ebenfalls eine steigende Nervosität in Bezug auf die anhaltenden Preissteigerungen bei einigen EZB-Mitgliedern zu beobachten. Es gilt mittlerweile als nicht mehr gewiss, ob nach dem Ablauf des Pandemie-Notfallankaufprogramms (PEPP) im März 2022 eine Aufstockung des parallellaufenden regulären Anleihekaufprogramms genügend Stimmen im EZB-Gremium sammeln würde. Darüber wird auf der bevorstehenden Sitzung der EZB im Dezember entschieden.

In Deutschland ist die Inflation im November auf den höchsten Stand seit 1992 gestiegen. Im Oktober lag der Anstieg noch bei 4,5 Prozent, im August noch bei 3,8 Prozent. EZB-Chefin Christine Lagarde ist allerdings weiterhin der Ansicht, dass es sich nur um ein temporäres Phänomen handelt. "Es gibt natürlich Bedenken, wie lange sie andauern wird und wir nehmen diese Bedenken sehr ernst", sagte sie Ende November. Die Triebkräfte der Inflation würden mittelfristig aber nachlassen, äußerte sie sich überzeugt. Einige Volkswirte gehen im Gegensatz zu Lagarde davon aus, dasss die Verbraucherpreise dauerhaft steigen werden. "Mit der Corona-Krise ist das Gespenst der Inflation zurückgekehrt und es wird bleiben", schreibt etwa Commerzbank-Research. Der Grund: "Im Kielwasser der Pandemie dürfte in den nächsten Jahren weiter zu viel Liquidität in den Umlauf kommen."

Die Sorgen um ein erneutes Aufflammen der Pandemie in Kombination mit den Aussichten auf eine weniger lockere Geldpolitik ab 2022 setzte die Kreditsegmente unter Druck. Der Anstieg der Risikoprämien für Unternehmensanleihen führte zu Wertverlusten bei den risikoreichen Kreditsegmenten. Auch Wandelanleihen wurden durch die Aktienmarktentwicklungen in Mitleidenschaft gezogen.

Fazit

  • Insgesamt zeigen die Makroindikatoren weiterhin eine starke Konjunkturdynamik auf. Es ist allerdings mit einer Abschwächung zu rechnen.
  • Der Inflationsdruck dürfte mit der Zeit abnehmen.
  • Die Aussichten auf eine weniger expansive Geldpolitik dürften sich nur unter der Bedingung einer Wachstumsfortsetzung realisieren.
  • Mittelfristig sind höhere Zinsniveaus realistisch.
  • Dieses Szenario favorisiert Anleihen mit kürzerer Duration.

Weitere Anlageklassen: Deutliche Rücksetzer bei den Energiepreisen

Rohstoffe

Nach steigenden Kursen hat der Goldpreis ab Mitte November wieder nachgegeben. Aktuell liegt er leicht unter der Marke von 1.800 US-Dollar pro Feinunze und somit auf vergleichbarer Höhe wie vor einem Monat.

Im November waren die Ölpreise lange im Bereich von 80 US-Dollar und damit etwas unter den Höchstwerten, die im Oktober erreicht wurden. Aufgrund der hohen Preise gaben die USA 50 Millionen Barrel Öl aus ihrer strategischen Reserve frei. Mit dieser Maßnahme sollten die Preise wieder gesenkt werden. Der gewünschte Effekt blieb aber aus.

Sorgen aufgrund der neuen Corona-Variante Omikron führten allerdings Ende November dennoch zu starken Preiskorrekturen. Mehr als zehn Prozent gingen die Öl-Preise an einem Tag zurück. Von den Höchstständen im Oktober ergibt das einen Rückgang von rund 20 Prozent. Aktuell bewegen sich die Preise im Bereich von 70 US-Dollar.

Cat Bonds

Die Hurrikansaison im Atlantik ging Ende November offiziell zu Ende. Die Aktivität verlief, wie erwartet, überdurchschnittlich – eine höhere Anzahl Stürme als im langfristigen Durchschnitt wurde verzeichnet. Das signifikanteste und teuerste Ereignis war der Hurrikan Ida, der Ende August auf das US-Festland beim Bundesstaat Louisiana traf. Ida war ein Naturkatastrophenereignis, welches nur einmal in 100 Jahren vorkommen sollte. Die Schätzungen gehen von bis zu 50 Mrd. US-Dollar Schäden aus. Einige Cat Bonds waren davon negativ betroffen, der Gesamtmarkt blieb allerdings von großen Werteinbrüchen verschont. Nach dem Volatilitätsrückgang im September und Oktober konnte der saisonal bedingte Prämienrückgang wieder einsetzen und für eine positive Wertentwicklung im November sorgen.

Die Gesamtschäden für die Versicherungsindustrie im Jahr 2021 sind nicht unbedeutend, weshalb die Nachfrage nach Rückversicherungsdeckungen im nächsten Jahr erhöht bleiben dürfte. Für die Anleger bedeutet dies ein leichter Prämienanstieg bei Neugeschäften und eine erhöhte erwartete Rendite. Zudem dürfte sich die Diversifikation am Markt verbessern. Die Attraktivität im Vergleich zu klassischen Anleihen ist somit nach wie vor gegeben. Die niedrige Korrelation zum Finanzmarkt stellt gerade in der aktuell unsicheren Marktsituation ein wichtiges Argument des Cat-Bond-Segmentes dar.